Die Szene: Nichts, was es nicht gibt
von Christine Zeides
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erstellt am 07.02.2012
Faschismus gehört der Vergangenheit an. Alle kennen die Gräueltaten zur Zeit des Dritten Reiches, Antisemitismus und Rassismus sind durch gute Aufklärung ausgemerzt worden. Doch angesichts der aktuellen politischen Situation ist diese Vorstellung nur dem Wunschdenken zuzuordnen, denn die Wirklichkeit sieht anders aus: die rechte Szene boomt und bleibt weiterhin aktiv.
"Das Thema 'Neofaschismus' ist sehr aktuell, immer wieder taucht es in unserer Gesellschaft auf", meint Norbert Sahrhage, stellvertretend für die Fachschaft Geschichte vom FvSG. "Nach Umfragen sind rund 20% der Bevölkerung latent antisemitisch eingestellt. Damit man diese Tendenz bekämpfen kann, ist es wichtig, gut über sie Bescheid zu wissen." Um den Bünder Bürgern eine solche Möglichkeit zu geben, wurde der Historiker Norbert Ellermann eingeladen. In seinem Vortrag "Außen bunt und innen braun - Musik, Mode und Markenzeichen in der rechtsextremen Szene" klärte er über geheime Symbole und Zeichen auf. Denn ein Nazi ist nicht auf Anhieb zu erkennen und muss keineswegs stereotype Vorstellungen erfüllen - es gibt viele feine Unterschiede. "Und bevor man ein Problem lösen kann, muss man es erkennen", erläutert der Historiker, der im Museum der Wewelsburg tätig ist.
Wer weiß schon, dass sich hinter den einfachen Zahlen 18, 28 oder 88 Hinweise auf Hitler und die Kriegszeit finden lassen? Dass drei Finger, die lässig in den Gürtel gesteckt werden, den Widerstandsgruß bilden? Dass die schwarze Sonne, die als Tattoo viele muskulöse Arme ziert, das Hakenkreuz enthält? Dass bestimmte Marken Buchstaben auf ihre Jacken nähen, die, wenn einige mit der Hand zugehalten werden, das Wort NSDAP zeigen? Dass die keltische und germanische Mythologie für rechte Ziele missbraucht werden? Dass Nazis nicht sterben, sondern "zur großen Armee einberufen werden"?
Schnell wird deutlich, worauf Ellermann aufmerksam machen will: eine zunehmende Parallelgesellschaft, die von der rechten Szene bestimmt wird. Geeint unter dem Symbol der "Schwarzen Sonne" leben sie in ihrer eigenen Welt und nach ihren Gesetzen. Ellermann bezeichnet sie als "braune Fische in einem braunen Gewässer". Die Vielfalt der verwendeten Zeichen und Bedeutungen sei erschreckend, denn sie umfasse viele Bereiche des alltäglichen Lebens, die auch nicht auf den ersten Blick der rechten Szene zugeordnet werden könne. "Es gibt da nichts, was es nicht gibt", beschreibt der Referent. Und spielt damit an auf Nazis, die an Ufos glauben, Nazis, die für Israel kämpfen, Nazis, die Ampeln vor Altenheimen bauen wollen.
"Wir dürfen niemals ausblenden, was da neben uns vorgeht. Wir dürfen nicht warten - wir müssen schneller und besser sein als sie. Wenn man ihnen ein Gebiet überlässt, hat man es sogleich verloren. Wo sie sind, kommt das Gift hin", appelliert Ellermann an die Zuhörer. "Deshalb müssen wir darum kämpfen, dass sie in keinem Bereich die Übermacht gewinnen können - geschweige denn, ihre Macht und ihren Einfluss anerkennen."
Besonders das Internet und die Musik sind wichtige Transportmedien, um neue Mitglieder anzuwerben; in recht professionell anmutenden Liedern rufen Bands wie "Die Braunen Stadtmusikanten" oder "Die Zillertaler Türkenjäger" zum Kampf gegen die "Ali-Gangs" und "Bimbos" auf. Doch nie offensichtlich, eher versteckt: die Botschaft zwischen den Zeilen ist für die Mitläufer klar verständlich.
"Wir müssen uns fragen, wie tolerant wir uns gegenüber Intoleranten verhalten dürfen", beendet Ellermann seinen Vortrag. Der zahlreich erschienenen Zuhörerschaft wird klar, wie wichtig der stetige Kampf gegen den Faschismus ist. Es sind keine Einzelfälle - es sind viele, die noch an den Nationalsozialismus glauben, viele braune Fische, die dringend ein weißes Gewässer brauchen, um gesund zu werden.
Die anwesenden Jugendlichen verdeutlichten mit ihrem Interesse und ihrem großen Diskussionsbedarf, dass sie bereit sind, den Kampf aufzunehmen. Mit einer Gegenrede zum Thema "Identifizierung und Enttarnung als Kritik-Ersatz" setzen sie sich ein für mehr Protest und Engagement gegen den Neofaschismus. Es brauche mehr als die bloße Enttarnung der neuen Nazis – man müsse auch aktiv gegen sie vorgehen. Ellermann stimmt zu. Eine Zuschauerfrage steht noch im Raum: "Warum wenden sich noch immer Menschen dem Faschismus zu? Weshalb rutschen sie in diese rechte Schiene?" Der Historiker klärt auf: Viele der braunen Fische seien junge Leute, die keinen Halt in der Gesellschaft gefunden hätten, die von der Familie und dem Umfeld nicht aufgefangen wurden, bevor sie Schutz in der Szene suchten. Das vorgetäuschte Gruppengefühl locke die Hilfesuchenden an. Und so steht fest: Es ist auch Aufgabe der Gesellschaft, nicht die Augen zu verschließen, sondern hinzuschauen und zu handeln. Deswegen sollten noch weitere Veranstaltungen zu diesem Thema organisiert werden, bei denen es mehr Diskussionsmöglichkeiten und Zeit zum Austausch gibt.
Bei den Neofaschisten gibt es nichts, was es nicht gibt - aber es gibt auch immer die Chance, sie zu stoppen.
