Gedenkfeier zum 9. November

von Annelene Tilch, Helena Gräper, Nina Dick und Junna Janzen 

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Bünde, am 9. November 2001

1) Annelene Tilch
Aber was bedeutet "gedenken" heute für uns?
Die meisten Menschen haben diesen Tag nicht miterlebt - so wie wir.

Trotzdem sollten wir uns erinnern an das, was in jener Nacht geschah, um es niemals zu vergessen und damit es sich nie wiederholen kann.

In der Reichspogromnacht 1938, in der jüdische Geschäfte, Wohnungen und Synagogen verwüstet und niedergebrannt wurden, wurden 20.000 Juden verhaftet und eine unbekannte Zahl von ihnen ermordet.

Es ist die Nacht, in der der Völkermord an den Juden begann und in deren Folge Millionen von ihnen den Tod fanden.

We can forgive - but not forget
Dies sind die Worte Alfred Spiegels, eines Mannes, der 1938 im Alter von 9 Jahren auf Grund seiner religiösen Gesinnung Bünde bzw. Deutschland verlassen musste.
Nach 63 Jahren kehrte er am 4. Mai diesen Jahres in seine Heimatstadt Bünde zurück.

Mit diesen Worten ermahnte er uns, trotz einer Kindheit voller Verachtung und Angst, dass man vergeben, jedoch niemals vergessen solle.

In der Schule lernen wir, wie viele Juden in Folge der Reichspogromnacht auf menschenverachtende Weise sterben mussten.
Aber wir haben nie einen Menschen davon gekannt. Wir sehen Zahlen und können uns das Ausmaß der Erniedrigung und Vernichtung nicht annährend vorstellen.
Es sind nur nüchterne Zahlen, die kaum zum Nachdenken anregen.

Jedoch die Begegnung mit Alfred Spiegel hat einigen dieser Opfer Namen und Gesichter gegeben.
Erst wenn man die Schicksale vor Augen hat, begreift man wirklich, was in der Nacht des 9.November 1938 und darauf geschehen sein muss.

2) Helena Gräper
We can forgive, but not forget

Kommen wir zu den Erinnerungen. Was bedeuten Erinnerungen für Alfred Spiegel?
In einem Gespräch sagte Herr Spiegel: "Die Erinnerungen verschwimmen. Manchmal will man sich auch gar nicht erinnern. Aber manchmal kommen sie auch zurück..."
Woran liegt es, dass Herr Spiegel sich nicht erinnern möchte, sogar Angst vor seinen Erinnerungen hat?

Alfred Spiegel wurde am 26.2.1929 in Emden geboren. Er wuchs mit seinen Eltern Ida und Max Spiegel in der Hindenburgstraße 20 in Bünde auf und besuchte dort auch die Elementarschule.

Mit seinen Mitschülern hatte Herr Spiegel nach eigenen Angaben ein gutes Verhältnis. Ein ehemaliger Klassenkamerad berichtet, Alfred sei ein Mitschüler gewesen wie jeder andere auch. Er wurde von allen akzeptiert und niemand habe sich von ihm abschotten wollen, obwohl alle bereits mit "diesem fürchterlichen Virus infiziert" gewesen seien.

Die Ablehnung gegenüber Juden bekam Herr Spiegel erst zu spüren, als Mitschülern der Umgang mit jüdischen Spielgefährten untersagt wurde. Eine Freundin von Alfreds Schwester Ruth durfte mit ihr nur noch an der Hintertür spielen; kurze Zeit später verbot man ihr sogar jeglichen Umgang mit Ruth, weil sie Jüdin war. Schon Kindern wurde der Satz "Spiel nicht mit Juden!" eingeprägt, wobei das eine der weniger schlimmen Aussagen war, die den nicht jüdischen Kindern immer wieder von ihrer Umwelt eingebläut wurden.

Zu dieser Zeit begannen auch die Diskriminierungen seitens der Lehrer. Alfred Spiegel berichtete von Situationen, in denen er mit anderen jüdischen Kindern vor die Klasse treten musste, damit der Lehre zeigen konnte, welche typischen Merkmale ein Jude habe. Herr Spiegel erinnert sich, dass an ihm der Unterschied zwischen Juden und sogenannten Ariern deutlich gemacht werden sollte, als ob er Hörner hätte.
Nach diesen Vorfällen begannen nahezu alle Mitschüler, Alfred Spiegel auf ähnliche Art und Weise zu stigmatisieren. Er wurde verprügelt, gedemütigt und allmählich brach jeder seiner Klassenkameraden den Kontakt zu ihm ab. Er wurde nicht mehr bei seinem Namen genannt, sondern hieß nur noch "der Jude".
Als ein ehemaliger Mitschüler eine Situation anspricht, in der ein Lehrer so lange mit einem Geigenstock auf ihn einschlug, bis dieser zerbrach, verstummt Alfred Spiegel und ihm steigen Tränen in die Augen. Das ist eine der Situationen, an die er sich nicht erinnern will, die aber trotzdem wiederkehren, die sich für immer in seine Gedanken gebrannt haben.

3) Nina Dick
"WE CAN FORGIVE BUT NOT FORGET"
Der Grund, warum Alfred Spiegel und seine Familie überleben konnten, beruht auf ihrer 3-fachen Lebensrettung.

Zum einen entschloss sich die Familie aus Deutschland zu fliehen, weil Alfreds Mutter, Ida Spiegel, eine schlechte Vorahnung hatte. Sie ahnte, dass es für sie besser wäre, wenn sie das Land noch vor dem November 1938 verlassen. Dass ihr Gefühl Recht gehabt hat, beweisen die geschichtlichen Daten, die wir heute alle kennen.

Zum anderen half ihnen ein englisches Ehepaar, als sie mit dem Zug nach Antwerpen fliehen wollten.
Der von Nazis gestoppte Zug sollte von allen Juden verlassen werden. Das Ehepaar, das mit den Spiegels im gleichen Abteil saß, riet ihnen sitzen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Sie befolgten diesen Rat und entkamen so dem Naziregime.

Die Familie wollte über Belgien in die USA emigrieren. Und dann die Ankunft in Amerika: Die dritte Lebensrettung dank einer Bürgschaft von den Cousinen der Mutter. Dieses Stück Papier hieß Überleben.

Mit 50,-DM in der Tasche konnte die Familie Spiegel so ein neues Leben in den USA beginnen.
Sie konnten einen Neuanfang in Amerika wagen, aber unter welcher Last?
Ihre ganze Familie war vernichtet. Es wurden viele in Konzentrationslagern umgebracht.

Wie zum Beispiel
Alfreds Onkel Arthur Bloch, emigrierte am 8. März 1939 in die Niederlande, wurde von dort in das KZ Sobibor deportiert und bald darauf für tot erklärt.

Seine Tante Antoinette und ihre zwei Töchter, Gertrud und Berta Bloch emigrierten auch in die Niederlande, sie wurden
von dort aus in das KZ Auschwitz deportiert und auch für tot erklärt.

Seine Großtante Mathilde Mayer starb am 25.Oktober 1942 im KZ Theresienstadt.

Einige von seinen Verwandten sind auch verschollen, wie zum Beispiel sein Großvater Alex Weiß im KZ Auschwitz oder sein Großonkel Otto Spanier im KZ Stutthof.

4) Junna Janzen
Nach 63 Jahren kehrt Alfred Spiegel am 03. Mai 2001 in seine Heimatstadt zurück. "We can forgive, but not forget!"
In dieser Aussage steckt nicht nur die Erinnerung sondern auch Versöhnung.
Ein Satz, den Alfred Spiegel oft wiederholt hat, - mit dem er klarmachen wollte, dass es wichtig für ihn ist, zu verzeihen.
Wir haben uns gefragt, was die Rückkehr für Herrn Spiegel und für uns bedeutet.
Für Herrn Spiegel war es eine sehr "emotionale Reise".
Er besuchte seine Heimatstadt, die Stadt, in der er geboren wurde, wo er aufgewachsen ist. Hier besuchte er seine Schule, hier hatte er seine Freunde - und dann musste er fliehen.
Nach 63 Jahren findet er es bemerkenswert, die Straßennamen seiner Familienmitglieder Arthur Bloch, Alex Weiss, Mathilde Meyer und Otto Spanier zu sehen (NW-Bünde).
In einem Brief schreibt er uns: " In all my 72 years I have never met such warm people."
Vielleicht wird sich einer von uns fragen, ob Alfred Spiegel keinen Hass auf Deutschland bzw. auf seine Heimatstadt Bünde empfindet, doch für ihn ist es etwas Besonderes!
So hat er sogar seinen Cousin, Werner Spanier - von dem er nicht wusste, wo er war- wiedergefunden.
"Wir haben bereits alle das Holocaustdenkmal gesehen. Wir haben die Namen darauf gelesen. Aber das sind nur Namen (... )Namen bedeuten nichts. Aber Gesichter." (A. Spiegel) So war das auch für uns.
Als wir von Alfred Spiegel gehört haben, war das für uns nur ein Name. Als er aber hier war, hatte man ein ganz anderes Gefühl.
Man konnte dem Namen ein Gesicht geben.
Das Leben von Alfred Spiegel,
die Verweisung aus Bünde und die Rückkehr nach 63 Jahren gleicht einem Wunder: Vergeben und Erinnern - das ist die große Chance, die er uns eröffnet hat.



"So miricals do happen!"