Bünde im Nationalsozialismus
Ein Quellenverzeichnis präsentiert vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde


Tag von Potsdam am 21.3.1933



Umzug und Feier auf dem Bünder Marktplatz anlässlich des Tages von Potsdam am 21.3.1933

Flammen empor

Bünde feiert den Tag von Potsdam

Beispiellose Beteiligung der Bürgerschaft


Bünde, 22. März

Bünde erlebte gestern einen großen, ganz großen Tag. Wenn die Nationalregierung anregte, dass an dem Tage, an dem der neugewählte Reichstag in feierlichem Staatsakt in der Garnisonkirche in Potsdam zusammentrat, das ganze Volk in dankbarer Anerkennung die Bedeutung dieses Ereignisses würdigen solle, so entsprach das ganz dem Wunsche des Volkes. Nicht nur in Potsdam, sondern im ganzen Reich, in jeder Stadt, in jedem Dorfe wollte die nationale Mehrheit nochmals den Männern des 30. Januar das volle Vertrauen aussprechen, um damit zugleich der Regierung tatkräftige Mitarbeit zu sichern.
Auch die Bürgerschaft von Bünde war dem Rufe des Herzens gefolgt, und wie sehr diese allgemeine Kundgebung nach dem Sinne der Bürgerschaft stand, zeigte die überwältigende Anteilnahme. Dieser Tag wird in unsere Stadtchronik mit goldenen Lettern geschrieben werden.

Herrlicher Sonnenschein lag während des ganzen Tages über unserer Stadt, nur in den Morgenstunden vereinzelt von unfreundlichen Aprilschauern durchsetzt. Von den Häusern weht es bunt herab; Fahnen, wohin man blickt, kein Haus, das sich nicht für diesen Freudentag geschmückt hätte. Der Ruf: "Flagge heraus" hat ein erfreuliches Echo gefunden. Die Straßen stehen im Glanze festlichen Fahnen- und Guirlandenschmucks. Bis zu den Mansarden reichen die bunten Fähnchen, und die Straßen entlang zieht sich ein Spalier flatternder Wimpel. Das Bild wird immer schöner und festlicher, je mehr sich der Tag neigt. In den Straßen herrscht Leben. Das Ziel bildet der Marktplatz. Schon um 8 Uhr hat sich dort eine gewaltige Menschenmenge angesammelt. Hier und dort lodern die ersten Pechfackeln auf. Eine halbe Stunde später bildet der Marktplatz mit den angrenzenden Straßen ein nach Tausenden zählender Menschenknäuel.
Allmählich wird es in allen Gruppen hell. Die Kapelle rührt sich und unter schneidigen Marschklängen erfolgt der Aufmarsch der Fahnen - 14 an der Zahl. Kurze, scharfe Kommandoworte ertönen über den Platz, und dann setzt sich die gewaltige Menge in Bewegung. Es ist ein nicht enden wollender Zug. Immer neue Vereine, neue Fahnen, neue Uniformen und neue singende Scharen ziehen vorbei.
Es wäre sinnlos, an dieser Stelle die Namen der Vereine aufzuzählen, die diesen großen Tag nicht ungewürdigt an sich vorüberziehen ließen. Alles, was sich in Bünde Verein nennt, war auf den Beinen. Staats- und Kommunalbehörden waren mit all ihren Beamten angetreten, z.T. führten sie - schnell zusammengenäht - die schöne Reichsfahne.
Sogar die Schulen hatten sich angeschlossen. Mit Begeisterung sangen die Kleinen das Lied des neuen Deutschlands, das ihnen noch vor wenigen Wochen zu Singen verboten war. Fröhlich schwenkten sie die buntfarbigen Papierlaternen im Takte hin und her, der Freudenglanz der glühenden Gesichter wetteiferte mit dem strahlenden Kerzenschein. Marschmusik mußten sich die Festzugteilnehmer zum größten Teil selbst machen; die Musikkapelle reichte nur für einen ganz verschwindend kleinen Teil des ungeheuren Zuges aus. Frisch und froh erklangen die alten deutschen Marsch- und Volkslieder durch die Reihen.
Ganz Bünde war auf den Beinen. Wer nicht mitmarschieren konnte, wollte wenigstens den großen Tag zuschauend miterleben. An den Straßen standen dichtgedrängt diejenigen, die aus irgendeinem Grunde nicht mitmarschieren konnten. Herzliche Zu- und Heilrufe klangen hin- und herüber. Ueberall, wohin der Zug auf seinem weiten Weg kam, sprühte buntfarbenes Flutlicht auf, Raketen zischten in das dunkle All, gleichsam den Weg nach oben weisend. Aber der Weg Deutschlands wird - dessen sind wir gewiss - nicht wie diese Freudenzeichen spurlos im Nichts enden, sondern Deutschlands Stern wird von nun an in Beständigkeit und Ewigkeit strahlend am Himmel stehen, wenn es - wie an diesem 21. März 1933 - ewig einig bleibt und treu. Und daß es so sein wird, dafür werden die neuen Männer sorgen.

Kurz vor 10 Uhr traf der Zug wieder auf dem Marktplatz ein. Mitten auf dem Platze loderte ein Freudenfeuer. Die Kapellen spielten, bis auch die letzten Gruppen sich eingefunden hatten. Die Fahnen reihten sich um die lodernden Flammen.
Dann ergriff der Ortsgruppenleiter Hillgruber der NSDAP das Wort. Die Revolte von 1918, so führte er aus, ist nun endgültig vorbei. Der Sieg ist unser. Die Freiheitsflammen lodern jetzt im ganzen Volke empor. Der Herr hat Großes an uns getan, Ehre sei Gott in der Höhe. Dank für diesen großen Tag gebührt auch dem greisen Reichspräsidenten, der dem neuen Führer die Macht übertragen hat. Er wird Deutschland führen, wohin es gehört: Zum Licht und zur Sonne! Die neuen Führer des deutschen Volkes hoch, hoch, hoch!
Dann trat Bürgermeister Dr. Moes an das lodernde Feuer und führte u.a. aus:
"Tag dieses Frühlingsanfangs, wir grüßen Dich als Sinnbild deutschen Frühlings, deutschen Werdens, deutscher Erneuerung. Deutscher Geschichte tief und dankbar verbunden, gedenken wir zugleich des deutschen Frühlings vor 120 Jahren, als der Freiheitsdichter sang: 'Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen.'
Auch Du, lodernde Flamme, bist uns leuchtendes Sinnbild deutscher Erneuerung, gespeist aus Kraft und Wärme deutschen Volkstums, deutschen Volksbewusstseins.
Erfülle Du die deutschen Brüder in Stadt und Land mit deutschem Geist.
Mache Du die Augen zielklar und hell, den Willen stahlhart und kühn, die Herzen gläubig und treu.
Stähle und stärke Du auch die Herzen der Bürger unserer Stadt Bünde.
Laß die gute alte, ewig junge deutsche Art wieder wachsen und walten in allen deutschen Landen, laß sie werken und wirken, raten und taten für deutsche Wohlfahrt und reine deutsche Sitte, für Freiheit und Recht, für Volk und Vaterland.
So lodere empor, Du leuchtendes Flammenzeichen. Glüh', heilige Flamme, glüh', glüh' und verlösche nie.
Heil unserem herrlichen Vaterland, heil unserm geliebten Mutterland, dreimal:

'H e i l D e u t s c h l a n d!'

Dann ertönte das Deutschlandlied.
Als letzter ergriff im Namen des Stahlhelms Herr Vogt das Wort. Mit begeisterten Worten, sagte er, sei heute des Tages gedacht worden, an dem unvergessliche Geschichte gemacht worden sei. Man sei noch ergriffen von der eindrucksvollen Feier in Potsdam und von seinem Geiste erfüllt. Möge der Geist Friedrichs des Großen, der dort seine Ruhestätte gefunden habe, auch unseren neuen Reichstag beseelen und ihm zum Sieg verhelfen.
Wie der Große König nach großen Taten dem Schöpfer für seinen Beistand gedankt habe, wie seine Soldaten aus Dankbarkeit zu Gott nach der Schlacht bei Leuthen den Choral angestimmt hätten, so wollten auch wir mit dem Choral von Leuthen* hier Gott danken für die Einigkeit und die Führer, die er uns geschenkt habe.
Dann hallte es machtvoll durch die Dunkelheit über den Marktplatz: "Nun danket alle Gott". Es war ergreifend, mit welcher Inbrunst diese wuchtigen und vollen Akkorde durch die Nacht des 21. März dahin klangen.
Dann erscholl noch eine Melodie durch die Abendstille, ein Lied, das so oft bei derartigen patriotischen Feierlichkeiten ertönt und zum Schluß den Dank der Menge nach oben erschallen lässt, der die Verbundenheit mit Gott und Gottes Liebe zu den Menschen in die ergreifenden Verse des Liedes zusammenfasst: "Ich bete an die Macht der Liebe".
Damit war der große Tag des deutschen Volkes auch für Bünde zuende. Eine rauschende Woge nationaler Freude und vaterländischen Stolzes war es, die sich wie ein reißender Strom an diesem Tage durch unsere Stadt - und durch das ganze Vaterland - gewälzt hat. Er steht seit jenem Tage des 11. August beispiellos in der Geschichte unseres Volkes da.

(aus: Bünder Generalanzeiger 49. Jg., Nr. 69 v. 22.3.1933)

Aufgaben:

1. Beschreiben Sie Organisation und Ablauf des Tags von Potsdam in der Stadt Bünde!
2. Untersuchen Sie, wie der Journalist zu dem von ihm beschriebenen Ereignis steht!
3. Welche historischen Bezüge werden von den Rednern hergestellt? Was wollen sie damit deutlich machen?
4. Wie erklären Sie sich, dass die Eröffnung des am 5. März gewählten Reichstages eine solche Resonanz findet?