Bünde im Nationalsozialismus
Ein Quellenverzeichnis präsentiert vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde


Arbeitervereine

A. Arbeitersportvereine

Arbeiter-Turn- und Sportverein Ahle
Freie Turn- und Sportvereinigung "Eintracht" Bünde
Freie Turn- und Sportvereinigung "Frisch Auf" Dünne
Freie Turn- und Sportvereinigung Ennigloh
Arbeiterradfahrverein "Solidarität" Holsen
Arbeiter-Turn- und Sportverein Holsen
Freie Turn- und Sportvereinigung "Jahn" Hunnebrock
Freie Turn- und Sportvereinigung Muckum-Bieren
Arbeiter-Turn- und Sportverein "Fichte" Spradow
Arbeiter-Turn- und Sportverein "Freiheit" Südlengern
Radfahrverein "Stahlrad" Südlengern
Freie Turn- und Sportvereinigung Werfen

B. Arbeitergesangvereine

Volkschor Bünde
Arbeiter-Gesangverein Ennigloh
Gemischter Chor Holsen
Gemischter Chor Hunnebrock
Arbeiter-Gesangverein Spradow (mit Frauenchor)
Arbeiter-Gesangverein "Einigkeit" Südlengern (mit Frauenchor)





Artikel aus dem Bünder Generalanzeiger (1932):

KPD an der Arbeit

Drei Pinselschmierer gefaßt

Wie wir in unserer Donnerstagsnummer berichteten, waren auf den Asphaltstraßen, sowohl in der Stadt wie auch in der Umgebung große Aufschriften hetzerischen Inhalts angebracht worden. Erfreulicherweise ist es einem Polizeibeamten in Ennigloh gelungen, drei junge Leute bei ihrer Schmiertätigkeit abzufassen und der wohlverdienten Strafe zuzuführen. Es handelt sich um Mitglieder der KPD, die hier jetzt eine Ortsgruppe gegründet haben, nachdem es ihnen bisher noch nicht gelungen war, hier festen Fuß zu fassen. Die Leute, die beim Anbringen der Aufschrift gefaßt werden konnten, sind sämtlich unter 20 Jahre, einer sogar erst 16 Jahre alt. Auch die übrigen Mitglieder der KPD-Gruppe sind junge Leute, die zum Teil noch nicht einmal das Wahlalter erreicht haben. Als Versammlungslokal dient ihnen eine Privatwohnung in Bünde. In dieser Privatwohnung hat kurz vor Weihnachten eine Versammlung der etwa 20 eingetragenen KPD-Mitglieder stattgefunden, in der von einem auswärtigen Agitator, dessen Name nicht bekannt geworden ist, der Auftrag erteilt wurde, die hetzerischen Anschriften auszuführen. Es ist anzunehmen, daß nicht nur die drei Abgefassten die Klecksereien vollführt haben, sondern daß die gesamte Ortsgruppe tätig gewesen ist. Hoffentlich gelingt es, auch die anderen Uebeltäter zu fassen.

(aus: Bünder Generalanzeiger 48. Jg., Nr. 1 v. 2.1.1932)



Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern der KPD und der NSDAP (1932):


A.

-Abschrift-

Der Bürgermeister des Amtes Ennigloh

als Ortspolizeibehörde Ennigloh, den 13.4. 1932
dem Herrn Landrat in Herford zurückgereicht.
Angehörige der NSDAP. hatten ... in Südlengern Plakate geklebt. Nach Rückkehr stellten Sie fest, daß ein Plakat beschädigt war. Ein des Weges kommender Mann wurde verdächtigt, der jedoch die Tat bestritt. Infolge des Wortwechsels kamen Freunde des Verdächtigen hinzu, woraufhin eine Rauferei entstand. Hierbei ist ein Schuß gefallen, wodurch ein NSDAP-Mann leicht verletzt wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Schütze unter den Freunden des Verdächtigen, die zum Teil der KPD angehören, zu finden ist. - Das Verfahren schwebt unter P.L. 2006/32 bei der Amtsanwaltschaft in Bielefeld.
gez. Schäfer
(Amtsbürgermeister)

(aus: Kommunalarchiv Herford, Kreis, A, Nr. 1883)

B.

Sühne für den Südlengerner Landfriedensbruch

Vor dem Sondergericht des Bielefelder Landgerichts fanden Freitag die politischen Zusammenstöße, die sich am Tage vor der letzten Reichstagswahl, am 30. Juli d. J., auf der Straße nach Hiddenhausen in Südlengern ereignet haben, ihre gerichtliche Sühne.
Angeklagt waren vier Nationalsozialisten, der Autohalter Heinrich Beckstedte, der 30 Jahre alte Beamtenanwärter Rudolf Kosiek, Leiter der Ortsgruppe Herford der NSDAP, der 22jährige Elektromonteur Erich Galling und der ebenso alte Elektiker Paul Altrogge, sämtlich aus Herford. Von den Angeklagten war Beckstedte nicht erschienen. Gegen ihn wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein Haftbefehl erlassen, der jedoch im Laufe des Freitagvormittag noch nicht vollstreckt werden konnte, so daß das Verfahren gegen diesen Angeklagten vorläufig vertagt und abgetrennt werden mußte.
Die ausgedehnte Verhandlung ergab folgenden Tatbestand: Die Ortsgruppe Herford der NSDAP besitzt einen Kraftwagen mit Lautsprecheranlage für Wahlpropaganda. Unter Leitung des Herforder Ortsgruppenführers Kosiek begab man sich am Tage vor der letzten Reichstagswahl mit dem Kraftwagen in den Bezirk Bünde, um auch dort noch Wahlpropaganda zu betreiben. In Südlengern machte der Wagen halt, und man versuchte, die Apparate an die Stromleitung anzuschließen. Davon aber mußte man Abstand nehmen, weil man nicht genügend starken Strom finden konnte. Während der Versuche mit dem Lautsprecherwagen trafen noch zwei uniformierte ortskundige SA-Leute zur Unterstützung der Herforder Nationalsozialisten ein. Gegen 4 Uhr nachmittags traf bei dem Lautsprecherwagen die Nachricht ein, die Kommunisten klebten an der Plakattafel der Nationalsozialisten. Daraufhin fuhren die Nationalsozialisten sofort zu der Plakattafel hin. Sie wurden von dem Stützpunktleiter der NSDAP in Südlengern begleitet. Dieser Mann stellte an Ort und Stelle gleich fest, daß die Kommunisten nicht an der Tafel der Nationalsozialisten, sondern an ihrer eigenen, gegenüberstehenden klebte". Der Südlengerner Nationalsozialist machte seine Herforder Parteifreunde darauf aufmerksam, die aber beachteten seine Einwürfe in ihrer Kampfeslust nicht, worauf sich der Stützpunktleiter aus Südlengern von dem Schauplatz weg entfernte, um nicht in unrechtmäßige Uebergriffe verwickelt zu werden. Die Herforder Nationalsozialisten, die teilweise schon angriffsbereit auf den Trittbrettern des Kraftwagens standen, sprangen an den Plakattafeln sofort aus dem Wagen heraus und stürzten sich auf die klebenden vier Kommunisten. Drei von ihnen wurden im Laufe der Zusammenstöße mit Gummikabeln, einer Eisenstange, einem Richtungsanzeiger und mit Fußtritten erheblich mißhandelt. Dabei drohte einer der Nationalsozialisten, den man bisher nicht hat feststellen können, sogar mit einem Revolver. Die Nationalsozialisten verzogen sich erst, als in der Nähe beschäftigte landwirtschaftliche Arbeiter mit Forken und anderen Geräten zur Hilfe herbeieilten.
In der Verhandlung vor dem Sondergericht bestritten die Angeklagten ihre Tatbeteiligung mehr oder weniger. Sie wurden Jedoch sämtlich überführt, und zwar des Landfriedensbruches. Der Staatsanwalt beantragte gegen alle drei Angeklagten wegen einfachen Landfriedensbruchs und wegen unbefugten Waffenbesitzes Gefängnisstrafen von insgesamt je einem Jahre. Das Sondergericht sah den Nachweis des verbotenen Waffenbesitzes nicht für geführt an, hielt sämtliche drei Angeklagten jedoch des einfachen Landfriedensbruches für überführt. Während Kosiek als geistiger Führer deswegen sechs Monate Gefängnis erhielt, kamen seine beiden Mitangeklagten mit je vier Monaten Gefängnis etwas milder ab.
Diese drei Verurteilten wurden sofort in Strafhaft abgeführt.

(aus: Bünder Tageblatt, Nr. 227 v. 27.9.1932)



Landjägeramt: Südlengern

Kreis: Herford.
Reg.Bez.: Minden.

Südlengern, den 30. Juli 1932

An
die Ortspolizeibehörde
E n n i g l o h

Heute gegen 17 1/4 Uhr ist in Südlengern in der Gabelung der Kreisstraße Südlengern - Bünde Südlengern - Eilshausen der Zigarrenarbeiter Wilhelm Spellmeier Nr. 215, Schneider August Achilles Nr. 436, Zig.Arb. Willi Lohoff Nr. 14 und Arbeiter Fritz Schröder Nr. 143, alle Mitglieder der K.P.D. von 5 S.A.-Leuten der N.S.D.A.P in Uniform mit Gummiknüppel-Stahlstangen und einem Revolver überfallen und geschlagen. Die Überfallenen waren mit Ankleben von Plakaten auf einer von der K.P.D. aufgestellten Holzwand beschäftigt. Währenddem kam ein S.A.-Mann mit Kraftrad von Bünde und fuhr nach Südlengern. Kurze Zeit darnach kam aus Richtung Südlengern ein Kraftwagen mit 5 S.A.-Leuten und 2 Personen in Zivil besetzt, dahinter der Motorradfahrer. Während der Kraftwagen hielt, fuhr der Kraftfahrer den Arbeiter Spellmeier absichtlich auf den Leib, warf ihn um, zu gleicher Zeit sprangen die S.A.-Leute aus dem Kraftwagen und fielen mit Gummiknüppeln, Stahlstangen über die vorseitig Genannten her, wobei einer der S.A.-Leute den Arbeiter Schröder mit einem Revolver bedrohte. Erst als andere Angehörige der K.P.D. aus der Nachbarschaft den Überfallenen zur Hilfe eilten, bestiegen die S.A.-Leute den Kraftwagen und fuhren in Richtung Bünde ab. Verletzungen haben die Überfallenen nicht davon getragen. Die Nr. und das Kennzeichen des Kraftwagens ist nicht festgestellt; der Wagen trug einen vollständig roten Anstrich ohne Verdeck.
Der Angestellte Werner Möhlmann, 18 Jahre alt, Südlengern Nr. 306 hat angegeben, daß der Kraftwagen längere Zeit vor dem Überfall vor dem Hause des Lagerarbeiters Fritz Uehlemann in Südlengern Nr. 108 gehalten hat; Ue. ist Leiter der Ortsgruppe Südlengern der N.S.D.A.P. Auf die Nachricht des Kraftfahrers, daß die K.P.D. die Plakate der N.S.D.A.P, überklebte, sei der Kraftwagen mit den Insassen abgefahren. Zeugen des Überfalls sind Maler Ernst Rottmeier, 21 Jahre alt, Südlengern Nr. 1, Zigarrenarbeiterin Mathilde Lohoff, 17 Jahre Südlengern Nr. 350, Ewald Müller, 21 Jahre Südlengern Nr.422, Werner Gödecke, 19 Jahre, Südlengern Nr. 16 und Lagerarbeiter Friedrich Uehlemann, Südlengern Nr. 108, letzterer ist von seiner Wohnung aus mit dem Kraftwagen bis zur Überfallstelle mitgefahren. Ue. ist die einzige Person, die über die Kraftwageninsassen Auskunft geben kann.

gez. Steinhoff,
Landjägermeister.

(Kommunalarchiv Herford, Kreis, A, Nr. 1883)



Gerichtsurteil

Abschrift.

5 J. Son. 22/32.

I m N a m e n d e s V o l k e s !

Strafsache gegen

1) den Beamtenanwärter Rudolf Kosiek in Herford, Dorotheenstr. 8,
geboren am 27. April 1902 in Altendorf, ledig,
2) den Elektromonteur Erich Galling in Herford, Neuer Markt Nr. 9,
geboren am 10. November 1909 in Herford, ledig,
3) den Elektriker Paul Altrogge in Herford, Werrestr. Nr. 55
geboren am 9. Juni 1910 in Herford, ledig,

wegen Vergehen gegen §§ 223, 223a, 47, 74 St.G.B., § 12 der Verordnung vom 14.6.1332,
§ 3 des Gesetzes vom 28.3.1931.

*********

Das Sondergericht in Bielefeld hat in der Sitzung vom 23. September 1932, an der teilgenommen haben: Landgerichtsdirektor Dr. Meiweg, als Vorsitzender,
Landgerichtsrat Stentrup, Landgerichtsrat Uekermann, als beisitzende Richter,
Staatsanwaltschaftsrat Dr. Klann, als Beamter der Staatsanwaltschaft, Referendar Brune, als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle,

für Recht erkannt:
Die Angeklagten werden unter Freisprechung im übrigen wegen einfachen Landfriedensbruches verurteilt, und zwar Kosiek zu sechs, Galling und Altrogge zu je 4 Monaten Gefängnis. Die Angeklagten tragen die Kosten des Verfahrens.

Gründe:
Durch die Hauptverhandlung ist folgender Sachverhalt erwiesen: Die Ortsgruppe Herford der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei besitzt einen Kraftwagen mit einer Lautsprecheranlage, die zu Zwecken der Propaganda verwendet wird. Am 30. Juli 1932, dem Tage vor der letzten Reichstagswahl, fuhr der Kraftwagen in die Bünder Gegend nach Südlengern, wo die Lautsprecheranlage in Tätigkeit gesetzt werden sollte. Außer den Angeklagten und dem Kraftfahrer Beckstedde befand sich ein fünfter S.A.-Mann im Wagen, dessen Name nicht hat ermittelt werden können. Bei der Inbetriebsetzung des Lautsprechers in Südlengern entstanden Schwierigkeiten, da der zur Verfügung stehende Strom nicht die erforderliche Stärke aufwies. Während der Versuche, die Lautsprecheranlage an das Stromnetz anzuschließen, trafen zwei weitere, ortskundige S.A.-Leute mit dem Motorrad in Südlengern ein, die sich gleichfalls um die Lautsprecheranlage bemühten. Der Zeuge Uehlemann, Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Südlengern der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, unterstützte gleichfalls die Bemühungen seiner Parteigenossen. Auf seine Veranlassung fuhr der Motorradfahrer, dessen Name nicht hat festgestellt werden können, zum Hause eines Parteigenossen, um festzustellen, ob es möglich sei, dort den Lautsprecher in Tätigkeit zu setzen. Bei seiner Rückkehr berichtete der Motorradfahrer, Kommunisten überklebten die Plakate der Nationalsozialisten. Er richtete an den Zeugen Uehlemann die Aufforderung, die S.A. zu alarmieren. Der Zeuge lehnte die Aufforderung mit dem Bemerken ab, das sei nicht nötig, da man ja mit dem Kraftwagen zu der Plakattafel fahren könne. Daraufhin fuhren dann der Kraftwagen und das Motorrad an den Tatort, der Beifahrer des Motorradfahrers und der Zeuge Uehlemann fuhren auf dem Trittbrett des Wagens mit. Es besteht nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme kein Zweifel darüber, daß die Angeklagten sich darüber klar waren, daß es zu einer Schlägerei kommen konnte und kommen mußte, damit waren die Angeklagten auch einverstanden. Kurz vor dem Ziel erkannte der Zeuge Uehlemann, daß die Meldung falsch war, daß die Kommunisten nicht die Plakate der Nationalsozialisten überklebten, sondern daß sie sich an ihrer eigenen Plakattafel zu schaffen machten. Er rief den Wageninsassen zu, die Kommunisten beklebten ihre eigene Plakattafel, dann sprang er vom Wagen herab. Der Wagenführer fuhr bis unmittelbar vor die Tafel der Kommunisten. Die Beweisaufnahme hat mit aller Deutlichkeit ergeben, daß im Augenblick des Haltens sofort einige Insassen des Wagens heraussprangen und sich auf die Kommunisten stürzten. Auch der Motorradfahrer beteiligte sich an den Gewalttätigkeiten. Von einem Angriff der Kommunisten konnte gar keine Rede sein. Die Nationalsozialisten sind angriffsbereit angekommen; das ergibt sich eindeutig daraus, daß sie sofort nach dem Halten des Wagens über die Kommunisten herfielen, das ergibt sich auch daraus, daß einer der Angreifer auf dem Trittbrett des Wagens mitfuhr.
Als Schlagwerkzeuge dienten den Nationalsozialisten Gummikabel, eine zu den Wagengeräten gehörende Eisenstange und ein Richtungsanzeiger. Einer der Nationalsozialisten hielt zudem den Zeugen Schröder mit einer Handfeuerwaffe - ob es sich um einen Browning, einen Revolver oder eine Scheintodpistole gehandelt hat, hat die Beweisaufnahme nicht ergeben - im Schach, als dieser dem angegriffenen Zeugen Spellmeier zu Hilfe eilen wollte. Wer von den Nationalsozialisten die Gewalttätigkeiten begangen hat, hat nicht festgestellt werden können, den Angeklagten insbesondere konnte nicht nachgewiesen werden, dass sie sich an den Gewalttätigkeiten beteiligt haben. Als den Kommunisten andere Personen zur Hilfe kamen, fuhren die Nationalsozialisten davon.
Auf Grund dieses Sachverhalts ist erwiesen und tatsächlich festgestellt, daß die Angeklagten an der öffentlichen Zusammenrottung einer Menschenmenge, die mit vereinten Kräften Gewalttätigkeiten gegen Personen begangen hat, teilgenommen haben. - Vergehen gegen § 125 Abs. 1 St.G.B - Die Einlassung der Angeklagten, sie hätten sich an den Gewalttätigkeiten nicht beteiligt, kann den Angeklagten nicht von dem Vorwurf des Landfriedensbruches befreien. Die Angeklagten haben durch ihr Verhalten bewiesen, daß sie gewollt und bewußt in der Menge verblieben sind, und daß sie durch ihre Anwesenheit die Gewalttätigkeiten unterstützen wollten. Der Angeklagte Kosiek ist Ortsgruppenleiter der Nationalsozialisten in Herford-Stadt und hat vorn im Auto neben dem Kraftwagenführer Beckstedde gesessen. Wenn er den Kraftwagen bis unmittelbar zu den Kommunisten fahren läßt und auf dem Trittbrett stehend nichts Ernstliches unternimmt, um die Schlägerei zu vereiteln, so hat er bewußt an dem Landfriedensbruch teilgenommen. Der Angeklagte Galling hat ein Kabelende ergriffen und ist aus dem Wagen ausgestiegen und auf die Schlägerei zugelaufen. Der Angeklagte Altrogge endlich hat ebenfalls den Wagen verlassen, um sich einzumischen, wie er zugibt, konnte aber nach seiner Einlassung nicht eingreifen, weil die Kasten der Lautsprecheranlage ihm den Weg versperrt haben. Damit haben sich die Angeklagten des einfachen Landfriedensbruches schuldig gemacht.
Von der Anklage der Vergehen nach dem § 12 der Verordnung vom 14.6.1932, § 3 des Gesetzes vom 28.3.1931 mußten dagegen die Angeklagten freigesprochen werden, da ihnen nicht nachgewiesen werden konnte, daß sie Waffen mit sich geführt und eine Körperverletzung verübt haben. Das Kabelende mag aus technischen Gründen im Wagen gewesen sein.
Bei der Strafzumessung war zu berücksichtigen, daß die Angeklagten nicht vorbestraft sind, und daß die Gewalttätigkeiten keine erheblichen Nachteile für die Verletzten im Gefolge gehabt haben. Andererseits fiel erschwerend ins Gewicht, dass die Tat am 30. Juli 1932 begangen worden ist, zu einer Zeit, zu der die politische Erregung auf dem Höhepunkt angelangt war und zu dem alle behördlichen Stellen immer wieder vor Terrorakten gewarnt haben. Die härtere Bestrafung des Angeklagten Kosiek rechtfertigt die Tatsache, daß er als politischer Leiter der Ortsgruppe Herford sehr wohl in der Loge war, und auch die besondere Pflicht hatte, seine Leute von den Gewalttätigkeiten zurückzuhalten. Sein Tun grenzt mehr an Rädelsführerschaft. Unter diesen Umständen erscheinen die verhängten Strafen als erforderliche, aber auch ausreichende Sühne.
Die Kostenentscheidung rechtfertigt § 465 St.P.O. Besondere Kosten sind durch den Freispruch nicht entstanden.
Eine Überzeugungstäterschaft konnte den Angeklagten nicht zugebilligt werden.

gez. Maiweg
Stentrup
Dr. Uekermann


Ausgefertigt!

Bielefeld, den 10. Oktober 1932
gez. Unterschrift

Kanzleiinspektor,
als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle des Landgerichts

(Staatsarchiv Detmold, M 4, Nr. 126)