Die pädagogische Grundorientierung

Die pädagogische Grundorientierung


Die Schulentwicklung des FvSG in den letzten 10 Jahren ist v.a. durch zwei Merkmale gekennzeichnet: Erstens, die Öffnung der Schule für Impulse von außen durch die Mitarbeit in regionalen, überregionalen und internationalen Schulentwicklungsprojekten, und zweitens, die Orientierung an leitenden Ideen und programmatischen Schwerpunkten, die in der Entwicklungsarbeit eine zielführende Funktion hatten.

In diesen Jahren entwickelten wir auch unsere pädagogische Grundorientierung. Daher verstanden wir den programmatischen Untertitel eines der Schulentwicklungsprojekte, an denen wir (1997 bis 2002) teilnahmen, "Stärkung von Schule im regionalen und kommunalen Umfeld?, ganz bewusst im Sinne der "Stärkung von Schülerinnen und Schülern?. Die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, die wir auf der institutionellen Ebene für die Schule als Organisation anstrebten - seit August 2003 ist das FvSG "Selbstständige Schule? - war auch auf der pädagogischen Ebene von Anfang an unsere leitende Idee.

Diese Idee umzusetzen bedeutete für uns: an unserer Schule die Grundlagen zu schaffen für ein handlungsfähiges Individuum, das auf der Basis sowohl eines anschlussfähigen allgemeinen Kompetenzprofils als auch der Entwicklung individueller Begabungen und Interessen, d.h. eines differenzierten Kompetenzprofils, in der Lage ist, den Anforderungen der Wissensgesellschaft in Studium und Beruf gerecht zu werden und seinen Lebensweg in der Interaktion mit anderen verantwortlich zu gestalten.




Wir setzen in unserer Entwicklungsarbeit also auf eine konzertierte pädagogische "Doppelstrategie?. Sie wird jeweils in den beiden Säulen der Matrix, die der Darstellung der Schwerpunkte unseres Schulprogramms zugrunde liegt, sichtbar: Auf der einen Seite geht es uns darum, orientiert an allgemeinen Standards, allen Schülerinnen und Schülern solide Grundkenntnisse und Grundqualifikationen zu vermitteln - in Lern- und Arbeitsformen, die Schritt für Schritt auch ihre Selbstlernvorgänge entwickeln helfen. Auf der anderen Seite wollen wir die besonderen individuellen Interessen und Begabungen unserer Schülerinnen und Schüler wecken und vertiefen.

Für die Schule ergibt sich also die Notwendigkeit einer Orientierung an Standards nicht allein extrinsisch aus den Vorgaben von Richtlinien und Lehrplänen, sondern auch aus dem entwicklungspsychologischen Befund, dass die Entfaltung des Individuums in seinen besonderen kognitiven, ästhetischen wie sozialen Möglichkeiten zunächst einmal die Vermittlung allgemeiner Grundqualifikationen voraussetzt. Je breiter, fundierter und vernetzter fachliche, methodische und soziale Kompetenzen vermittelt werden, desto mehr Anschlussmöglichkeiten eröffnen sich, desto mehr Individualität ist möglich. Der Einzelne bedarf - so paradox das klingen mag - zu seiner vollen Verwirklichung der reflektierten Aneignung allgemeiner Standards im kognitiven wie im sozialen Bereich. Daher legt die Schule Wert darauf, allen Schülerinnen und Schülern sowohl in den verschiedenen Aufgabenfeldern und Fächern als auch in den überfachlichen Bereichen, die das Schulprogramm ausweist, grundlegende Kompetenzen zu vermitteln. So wird z.B. im Bereich der Naturwissenschaften in den Stufen 5 und 6 mit dem jeweils vierstündigen, stark experimental ausgerichteten Fach NAWI allen Schülerinnen und Schülern eine solide naturwissenschaftliche Grundbildung vermittelt. Analoges gilt für den Bereich der Sprachen: Alle Schülerinnen und Schüler am FvSG erlernen (mindestens) zwei lebende Fremdsprachen, Englisch und Französisch, weil diese zur "Grundausstattung? für Kommunikation und Kooperation im zusammenwachsenden Europa gehören.

Der Einzelne muss aber, um eine handlungsfähige Person zu werden, auch in der Lage sein, seinen eigenen Weg zu finden, anders zu sein und anderes zu können, sich zu unterscheiden. Und das setzt voraus, dass bereits in der Schule dem Heranwachsenden auch Freiräume und Anregungspotential geboten werden, um seine besonderen Interessen und Begabungen zu entdecken und zu entfalten. Um diese Seite der Stärkung des Individuums zu fördern, hält die Schule ein breites Spektrum von besonderen unterrichtlichen Angeboten sowie von Arbeitsgemeinschaften und Zusatzkursen zur Vorbereitung auf Wettbewerbe und den Erwerb von internationalen Sprachzertifikaten bereit, die die Schülerinnen und Schüler motivieren sollen, herauszufinden, wo ihre persönlichen Interessensschwerpunkte und Fähigkeiten liegen, und sie darin nachhaltig zu stärken. So findet - grundsätzlich für alle unsere Schülerinnen und Schüler - "Begabungsförderung? durch "enrichment? statt, um einen Begriff aus der aktuellen Diskussion zu verwenden. Die besonderen unterrichtlichen wie außerunterrichtlichen Zusatzangebote gibt es in allen Aufgabenfeldern und Fächern, aber auch auf überfachlicher Ebene, wie z.B. für den Bereich des sozialen Lernens. Denn das Individuum stärken, das heißt in unserem Verständnis auch Gelegenheiten schaffen, seine kooperativen - nicht nur seine kompetitiven - Fähigkeiten zu entwickeln, wie etwa die Selbstverwaltung unserer Mediothek durch Oberstufenschülerinnen und -schüler, die Aktion "Schlaufuchs? unserer SV und die Organisation des Pausensports durch Schülerinnen und Schüler der Erprobungsstufe belegen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Um den kumulativen Lernprozess als Wechselspiel der Orientierung an Standards und an besonderen Interessen zu unterstützen, wurden an unserer Schule entsprechende äußere Rahmenbedingungen und Organisationsstrukturen geschaffen. Diese Unterstützungsstrukturen finden sich jeweils in der mittleren Leiste der Matrix. Zu den äußeren Rahmenbedingungen zählt z.B. die Lernumgebung wie unser Selbstlernzentrum (Mediothek), das durch seine räumliche Einteilung und mediale Ausstattung dem selbstständigen Wissenserwerb durch Recherchieren, Bearbeiten und Präsentieren einerseits einen klaren Rahmen gibt, andererseits durch die Vielzahl der Angebote für die Schülerinnen und Schüler auch ein großes Anregungspotential bereithält. Ein eher reflexives Moment, das die Schüler in die Lage versetzen soll, ihre Lernentwicklung - in ihren beiden Seiten - zunehmend selbstständig und selbstverantwortlich zu gestalten, wurde mit dem ab der Jahrgangsstufe 5 (2005) eingeführten Lernportfolio geschaffen. Dieses Lernportfolio bildet auch eine wichtige Grundlage für die Laufbahnberatung durch die Mentoren, die auf dieser Grundlage bei Leistungsschwächen gezielt Förderkurse und im Falle besonderer Interessen und Stärken weitergehende Angebote vermitteln können.

Der Grundgedanke einer Synthese allgemeiner und differenzierter Individuation bestimmt auch unsere weiteren Planungen. So ist für das Schuljahr 2006/07 die Einrichtung einer "Forschungswerkstatt" vorgesehen, die - in Fortsetzung der Ansätze aus dem Mitmach- und Experimentierlabor der Erprobungsstufe - einerseits für alle Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe die Voraussetzungen naturwissenschaftlichen Arbeitens verbessern, andererseits zusätzliche Anreize für die Entwicklung naturwissenschaftlicher Interessen schaffen soll.



Hinweise zu weiterführenden Informationsquellen:
Langer, C., Blumenthal, St., Hesse, M., Das Individuum stärken als Wechselspiel der Orientierung an Standards und an Interessen, in: Pädagogik 1/Januar 2006, S. 15 - 19.
Langer, C., 12 Jahre Schulentwicklung am FvSG - Netzwerkbildung nach Innen und Außen, in: Almanach 12.2005, S. 65-75. Langer, C., Creating a rich and caring environment for students. Change Story des FvSG als Beitrag zur Abschlusssitzung des INIS-Projekts, in: Almanach 12.2005, S. 77-81.
Langer, C., Schulleiter handeln - aber wie? In: SchulVerwaltung. Zeitschrift für SchulLeitung, SchulAufsicht und SchulKultur, 11.2000 S.132-135. Langer, C., Schule in der Provinz und gesellschaftlicher Wandel: Der Aufstieg der Regionen, in: Heyer, W., Müller, U., Tiemann, F. (Hg.), Die Zeiten ändern sich. Bünde, Stadt und Raum im Wandel, Münster 2003, S. 175-195.
"Selbstlernvorgänge entwickeln, Schüler stärken?. Präsentation des schulindividuellen Schwerpunkts des FvSG im Rahmen von Schule & Co vor dem Schulausschuss der Stadt Bünde, in: Neue Westfälische Zeitung vom 26.3.1998.
Langer, C., Bericht der Schulleiterin über die bisherige Entwicklungsarbeit, in: Schulprogramm des FvSG Bünde, 2000, S. 1-12.
Michael Albers, Jörn Bormann, Matthias Hesse, Claudia Langer, Jens Ransiek, Norbert Sahrhage, Manfred Sander, Stefan Schweynoch: Die Gestaltung des selbstständigen Lernens mit neuen Medien in der gymnasialen Oberstufe. In: Abitur-online.nrw. Rahmenkonzept und didaktische Grundlagen, Soest 2003, S. 122-155.


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