Schulgeschichte

Schulgeschichte

von Norbert Sahrhageerstellt am 07.06.2011

Am Anfang war eine private „Höhere Knabenschule“

125 Jahre Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde
 
Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde kann auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken – eine wechselvolle Geschichte, die im Kaiserreich begann und über die Weimarer Republik sowie den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart reicht.
 
Auf Initiative wohlhabender Zigarrenfabrikanten im Jahre 1888 als private „Höhere Knabenschule“ gegründet, wurde der Unterrichtsbetrieb mit Schulleiter Dr. Robert Bodewig und einem Elementarlehrer in der von dem Zigarrenfabrikanten Fritz Wellensiek erworbenen Kapelle der aufgelösten Zionsgemeinde Auf`m Rott begonnen. 1896 wurde die Schule dann von der Stadt Bünde übernommen und als städtische Einrichtung unter dem Namen „Ev. Höhere Stadtschule“ weitergeführt.
 
Die Schule schloss zunächst nur mit dem Zeugnis der Obertertia ab. Deshalb verfolgte die Bünder Stadtverordnetenversammlung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert – gegen Widerstände des Herforder Landrats und der Königlichen Regierung in Minden – das Ziel, die „Höhere Stadtschule“ zunächst zum Realprogymnasium (1905) und schließlich zum Realgymnasium (1914) auszubauen. Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Schule zum Realprogymnasium ließ die Stadt Bünde in den Jahren 1906 und 1907 an der Marktstraße ein neues Schulgebäude (heutiges Altgebäude des Gymnasiums am Markt) errichten, das Raum für etwa 360 Schüler bot. Die Schulleitung hatte inzwischen Adolf Messing übernommen.
 
Mit der Erweiterung der Schule zum Realprogymnasium verbunden war die Anerkennung der Schule als „militärberechtigte Anstalt“, d.h. mit dem Versetzungszeugnis zur Obersekunda erhielten die Absolventen das sog. „Einjährige“, das ihnen – im Unterschied zum regulären zweijährigen Wehrdienst – die Möglichkeit einer verkürzten „einjährig-freiwilligen“ Militärzeit bot.
 
Auch nach der Übernahme der Schule durch die Stadt Bünde wurde für den Schulbesuch Schulgeld erhoben. Im Jahre 1914 betrug das jährliche Schulgeld für Oberstufenschüler 200 Mark; jüngere Jahrgänge zahlten weniger.
 
Infolge des Krieges wurden im Jahre 1916 erstmals („Not“)Reifeprüfungen abgenommen; die ersten Abiturienten wurden sofort zum Kriegsdienst einberufen. Zu den Schülern, die im Jahre 1916 die Reifeprüfung ablegten, zählte Ernst Rosenwald, der Sohn eines jüdischen Zigarrenfabrikanten. Neben Rosenwald besuchten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts weitere jüdische Schüler das Realgymnasium. Mit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ wurden jüdische Schüler nicht mehr aufgenommen.
 
Seit 1928 war Dr. Alfred Wagner Leiter des Bünder Realgymnasiums. In der Zeit des „Dritten Reiches“ wurden Unterrichtsinhalte und Schulbücher der NS-Ideologie angepasst. Wie überall im Reich hielten „Rassenkunde“, „Wehr- und Geländesport“ sowie der nationalsozialistische Festkalender Einzug in Unterricht und Schule; ein Lehrer fungierte fortan als HJ-Vertrauenslehrer.
 
Im Jahre 1938 erfolgte die Verkürzung der bislang neunjährigen Schulzeit auf acht Jahre, im Rahmen der Vereinheitlichung der Schulbezeichnungen wurde das Realgymnasium im selben Jahr in „Oberschule für Jungen“ umbenannt.
 
Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden – wie andernorts auch – die älteren Schülerjahrgänge zu Luftwaffenhelfern ausgebildet oder zum Arbeitsdienst bzw. zur Wehrmacht eingezogen, so dass in den höheren Klassen, vor allem gegen Ende des Krieges, über längere Zeiträume kein regulärer Unterricht mehr stattfand.
 
Nach dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 wurde die Schule geschlossen, die Lehrer wurden im Entnazifizierungsverfahren politisch überprüft. Da Bünde ein wichtiger Standort der „Control Commission for Germany“ in der britischen Besatzungszone war, durfte die Bünder Oberschule für Jungen als erste Oberschule in ganz Westfalen am 1. Oktober 1945 den Unterrichtsbetrieb wieder aufnehmen. Das Schulgebäude lag in dieser Zeit in dem von der britischen Besatzungsmacht okkupierten innerstädtischen Sperrgebiet und war von den Schülern nur mit Sonderausweisen zu betreten. Die Schule erhielt in den ersten Nachkriegsjahren mehrfach Besuch von britischen Offizieren und in- und ausländischen Pädagogen, die sich über den Neuaufbau des deutschen Schulsystems informieren wollten.
 
Nach der Pensionierung Dr. Wagners im Jahre 1946 wurde Friedrich Schöne zum Schulleiter berufen. In seine Amtszeit fällt die Umbenennung der Schule in „Neusprachliches Gymnasium für Jungen“ im Jahre 1949; gleichwohl blieb Latein noch bis 1956 Eingangsfremdsprache.
 
Nachfolger Schönes, der im Jahre 1952 unerwartet verstarb, wurde Dr. Ludwig Benning, der die Schule bis 1967 leitete. Während seiner Amtszeit entstand u.a. der Neubau des Schulgebäudes am Strotweg im Jahre 1960, der wegen der großen Raumnot unumgänglich geworden war. Mit dem Umzug in das neue Schulgebäude erhielt die Schule ihren heutigen Namen „Freiherr-vom-Stein-Gymnasium“ (FvSG). Im Jahre 1957 wurde der Förderverein der Schule gegründet; seit 1966 besteht ein jährlicher Schüleraustausch mit einer Partnerschule in Minehead/England.
 
Unter dem neuen Schulleiter Erwin Peitzmann, der Dr. Benning im Jahre 1967 ablöste, wurde das FvSG 1973 auch offiziell zu einer koedukativen Schule; bereits zuvor – u.a. in der Nachkriegszeit – waren immer mal wieder kleinere Gruppen von Mädchen an der Schule unterrichtet worden. Da sich – auch infolge der jetzt in die Schulen drängenden geburtenstarken Jahrgänge – die Schülerzahlen zwischen 1965 und 1976 nahezu verdreifacht hatten, erwiesen sich die Räumlichkeiten des Schulgebäudes am Strotweg – trotz Erweiterungsbauten und zusätzlicher Klassenräume in anderen Gebäuden – erneut als unzureichend. Deshalb errichtete die Stadt im Jahre 1976 einen Neubau der Schule in Ennigloh (Schulzentrum Bünde-Nord), der Platz für mehr als 1.200 Schülerinnen und Schüler bot.
 
Bis zum Ende der 1970er-Jahre herrschte z.T. extremer Lehrermangel, Klassen mit mehr als 40 Schülern waren üblich. Die 1960er- und 1970er-Jahre waren zudem durch umfassende Reformen geprägt. Die vorher üblichen Aufnahmeprüfungen wurden 1965 von der Erprobungsphase (5. u. 6. Schuljahr) abgelöst, die eine genauere Beurteilung der Schüler in den Eingangsklassen ermöglichte. Die Anfang der 1970er-Jahre durchgesetzte Reform der gymnasialen Oberstufe führte zu einer Individualisierung der Schullaufbahn entsprechend den Neigungen der einzelnen Schüler.

Seit 1975 fährt jedes Jahr ein gesamter Unterstufenjahrgang der Schule für etwa zwei Wochen in das Bünder Schullandheim auf Wangerooge. 1990 begann ein Schüleraustausch mit dem College La Garenne in Voiron, der französischen Partnerstadt des Kreises Herford.
 
Im Jahre 1992 trat Erwin Peitzmann in den Ruhestand, seine Nachfolgerin wurde Dr. Claudia Langer, deren Amtszeit im Zeichen intensiver Schulprogrammentwicklung stand. Das FvSG beteiligte sich u.a. ab 1997 an dem Bertelsmann-Projekt Schule & Co., 2002 an dem Pilotprojekt „Selbstständiges Lernen mit digitalen Medien in der gymnasialen Oberstufe“ (SeLGO) und ab dem Schuljahr 2002/3 an dem Modellversuch „Selbstständige Schule“. Die im Jahre 2001 eingeweihte moderne Mediothek bietet seither neue Möglichkeiten des Lehrens und Lernens. Als Bestätigung für die an der Schule geleistete Schulentwicklungsarbeit wurde das FvSG im Jahre 2006 als einziges Gymnasium aus NRW für den Deutschen Schulpreis nominiert.

Das FvSG ist auch durch zahlreiche sportliche Erfolge überregional bekannt geworden, u.a. wurde die Schule mehrfach Bannerkampfsieger und Bundessieger in der Leichtathletik bei dem Wettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“.
 
Mit dem Wechsel Dr. Claudia Langers als Abteilungsleiterin in das Bildungsministerium des Landes Schleswig-Holstein übernahm Michael Neuhaus zu Beginn des Jahres 2009 die Leitung der Schule. Herr Michael Neuhaus wechselte 2012 in die Bezirksregierung Detmold, woraufhin im Jahr 2013 Frau Heike Plöger Schulleiterin am FvSG wurde. Zwischenzeitlich wurde die Schule in Phasen der Vakanz von Herrn Ransiek, dem stellvertretenden Schulleiter, kommissarisch geleitet.
Frau Plöger wechselte aus privaten Gründen im Jahr 2016 an das Herder-Gymnasium nach Minden. Seit Februar 2017 ist nun Gunnar Woltering, der ehemalige stellvertretende Schulleiter des Gymnasiums am Waldhof in Bielefeld, Leiter des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.
 
 

Die Schulleiter:
Dr. Robert Bodewig (1888-1890)
Dr. Wilhelm Waltemath (1890-1896)
Adolf Messing (1896-1927)
Dr. Alfred Wagner (1928-1946)
Friedrich Schöne (1946-1952)
Dr. Ludwig Benning (1953-1967)
Erwin Peitzmann (1967-1992)
Dr. Claudia Langer (1993-2008)
Michael Neuhaus (2009-2013)
Heike Plöger (2013-2016)
Gunnar Woltering (seit 2017)
 
Schüler- und Lehrerzahlen:
 
JahrSchülerLehrer
188822  2
1905124 
1914216  7
1938200  8
194533816
194942720
196042621
196643621
197067434
19761.25056
19811.44388
198697173
199081863
199585054
20001.06860
20051.24469
20101.43289
20171.100105
 
Literatur:
Franke, K., Dreißig Jahre im Leben einer Schule und eines Landes (1925-1955), in: Festschrift 100 Jahre Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Bünde, Bünde o.O. (Bünde) o.J. (1988), S. 40-56.
Peitzmann, E., Schule im Wandel. Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium seit den sechziger Jahren, in: ebd., S. 64-76.
Sahrhage, N., Die Entstehung und Entwicklung des höheren Schulwesens in der Stadt Bünde im 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, in: ebd., S. 14-32.
ders., Die jüdischen Schüler des Bünder Realgymnasiums, 1894-1934, in: ebd., S. 33-39.

Literatur zum Thema als PDF-Download:

Sahrhage, N., Die Entstehung und Entwicklung des höheren Schulwesens in der Stadt Bünde im 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts