"Non scholae, sed vitae discimus!" Weshalb lernen wir heute noch Latein?

von Christine Zeides 

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erstellt am 08.06.2011



Zeichnung: Christine Zeides

Non scholae, sed vitae discimus!– Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Dies ist das große Motto vieler Schulen, nach denen sich Fächer, Lehrer und Schüler richten sollen. Bemerkenswert ist, dass eben jener Ausspruch auf lateinisch verfasst ist, einer Sprache, die in keinem Teil der Welt mehr gesprochen wird und für Kritiker bereits als „ausgestorben“ und „verstaubt“ gilt. Ein Grund mehr für uns, euch einmal über die Sprache der Römer zu informieren und eine Begründung für das Lateinlernen von heute zu finden.

Ursprünge im antiken Rom
Das Begriff „Latein“ leitet sich von dem Herkunftsort der Sprache ab. Entwickelt wurde sie nämlich im alten Rom, genauer gesagt in der Region Latium an der Ostküste Italiens. Allmählich weitete sie sich auf das gesamte Römische Reich aus und wurde durch Italiens Eroberungskriege in Mitteleuropa kultiviert. Sie floss ein in alle romanischen Sprachen, wobei vor allem Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Rumänisch zu nennen sind, die wiederum auf nichtromanische Sprachen wie Deutsch und Englisch Einfluss nahmen.
Schon in der Römerzeit war Latein zwar offizielle Amtssprache, wurde aber oft durch ein Vulgärlatein ersetzt. So entwickelte sie sich langsam zu einer toten Sprache, galt aber (noch bis in die Neuzeit hinein) als führende Sprache in Literatur, Wissenschaft, Politik und Kirche. 

Latein als „tote Sprache“
Ein „Sprachtod“ liegt vor, sobald eine Sprache keine Muttersprachler mehr hat. Wie Latein wird diese Sprache von niemandem mehr „mündlich“ gesprochen.  Das heißt aber nicht, dass sie als Sprache unwichtig ist. Sie kann immer noch als reine Schriftsprache (vor allem Fachsprache in der Wissenschaft) bestehen.

Wofür brauchen wir Latein heute noch?
Entgegen der allgemeinen Meinung ist das Latein für viele Studiengänge nicht mehr als Voraussetzung nötig.  Ein Latinum muss lediglich der Schüler vorlegen, der Theologie, Archäologie, die romanischen Sprachen, Philosophie oder Geschichte studieren möchte. Für Human- und Veterinärmedizin oder Rechtswissenschaften sind Lateinkenntnisse nicht mehr erforderlich.
Im Bereich der Sprachen ist Latein immer als Grundvoraussetzung nötig, um sich Vokabeln und grammatische Strukturen schneller herleiten zu können (es ist allerdings fraglich, ob sich der Aufwand lohnt, erst lateinische Vokabeln zu lernen, um es dann z.B im Französischen leichter zu haben). 
Wer in der Schule kein Latinum gemacht hat, dem bietet sich an vielen Universitäten die Möglichkeit das Latinum in einem Crashkurs (zwischen ½ oder 3 Jahre) während des Studiums nachzuholen. Obwohl solche Kurse allgemein als schwierig und anstrengend gelten, sollte man sich vor Augen halten,  dass Studenten, die sich beispielsweise für ein Sprachstudium entschieden haben, meist „gute Lerner“ sind  und so auch Latein mit ihren Fähigkeiten schaffen können. 

Wie sieht die Lehrbilanz aus?
Trotz alle Schwierigkeiten erfreut sich Latein seit etwa 10 Jahren einer steigenden Zahl von Schülerinnen und Schüler, die sie als Fremdsprache wählen. Gründe sind natürlich die Modernisierung des Lateinunterrichts und auch ein allgemein steigendes Interesse an der Antike, doch es gibt auch einige interessante und unerwartete Gründe:
So nutze die Autorin Joanne K. Rowling lateinische Vorlagen für ihre Zaubersprüche, die die Schüler auf Hogwarts lernen. „Imperio“, der zu einer vollkommenen Unterwerfung des Gegners führt, leitet sich von dem lateinischen begriff „impero“ ab, was soviel bedeutet wie „befehlen, gebieten, herrschen“.  Der als „Schockzauber“ bekannte Spruch „Stupor“ leitet sich von dem Wort „stupor“ ab, welches soviel bedeutet wie „Starrheit, Gefühllosigkeit, Schwerfälligkeit“.  Für einige Schüler ist das eine Motivation, die alte Sprache zu lernen, um während des Lesens nicht ständig zum Wörterbuch greifen zu müssen.
Darüber hinaus richten sich viele Schüler nach den Erfahrungen ihrer Familien und ihrer Klassenkameraden, denn für viele gehört das Lateinlernen einfach dazu. Dieser „Gruppenzwang“ führt teilweise zu Fehlwahlen.
 

Da für die Siebtklässler des FvSG bald die Diff-Wahlen stattfinden, haben wir einige Lehrer und Schüler zu dem Thema befragt.

Warum sollte man Latein wählen und auch in der heutigen Zeit noch lernen?
Paulina, 9.Klasse, hat Latein gewählt und behält das Fach auch in der Oberstufe: „Latein hat Vorteile und Nachteile. Ein Vorteil ist z.B., dass man mit einem Latinum in einer Bewerbung bevorzugt wird. Ein Nachteil ist vor allem das viele Lernen von Vokabeln und Formen.“

Lisa, 9. Klasse, hatte Latein gewählt, will es aber nicht in der Oberstufe fortführen:„Eigentlich gibt  es keinen wirklichen Grund Latein zu wählen. Ich finde, dass man es nicht mehr braucht und dass es unwichtig und oft uninteressant ist. Außerdem muss man total viel lernen.“

Brigitte Günzel, Lateinlehrerin am FvSG: „Latein bildet eine Voraussetzung für viele Studienfächer und ist wichtig für die sprachlichen Grundlagen der Fremd- und auch der Muttersprache.  Es ist eine Art Basissprache, die zudem zur Verbesserung von Stil und Ausdruck in allen anderen Sprachen führt.“

Annegret Jüttner, Lateinlehrerin am FvSG:„ Für viele Universitäten ist Latein eine Grundvoraussetzung. Außerdem erhält man Einblicke in ein Sprachsystem, aus dem man Vokabeln für Fremdsprachen ableiten kann. Man darf nicht vergessen, dass Latein zu den Wurzeln unserer Kultur gehört und man so im Lateinunterricht auch vieles über die Menschen und das Leben von damals erfährt.“

Dr. Ralf Burnicki, unterrichtet Philosophie und Geschichte am FvSG:„Für einige Lehramtsfächer, insbesondere die der gymnasialen Oberstufe, braucht man als Student ein Latinum. Ich persönlich muss aber sagen, dass ich Latein in meinem späteren Leben so gut wie gar nicht mehr gebraucht habe. Im Fach Geschichte  konnte ich beispielsweise auf viele fundierte Übersetzungen von Texten zurückgreifen, sodass ich Latein eigentlich nicht benötigte und bislang gut ohne ausgekommen bin.“

Tanja Nehring, unterrichtet Französisch und Geschichte am FvSG:„Meiner Meinung nach sollte man sich nicht nur für zwei Fremdsprachen entscheiden. Eine dritte Fremdsprache gehört für mich zum Gymnasium dazu. Allerdings hat man in den Diffkursen die Möglichkeit auch einmal in verschiedene andere Bereiche hineinzuschnuppern. Sprachen eröffnen einem später die Möglichkeit mit seiner Umwelt intensiver in Kontakt zu treten. Durch das konsequente Lernen von Fremdsprachen wird auch das Lern- und Arbeitsverhalten verbessert, denn nur durch konstantes Lernen kann man hier etwas erreichen – das schult z.B. die Disziplin und Eigeninitiative. 
Latein ist eine sinnvolle Möglichkeit für diejenigen, die noch keine konkrete Berufsvorstellung haben. Vielleicht möchten sie ja später z.B. in den sprachlichen Bereich gehen? Dann würde ihnen das Latinum gut weiterhelfen.
In unserem heutigen Schulsystem finde ich, dass Latein ein bisschen früh einsetzt. Ich bin der Meinung, dass man als reiferer Schüler/reifere Schülerin diese Sprache konsequenter erlernen und nutzen könnte. Vielleicht würde das Angebot einer weiteren „lebendigen“ Sprache die Schüler und Schülerinnen grundsätzlich ermutigen, eine weitere Fremdsprache zu lernen.“
 
Wir hoffen, dass wir allen Schülern der 7. Klassen, die jetzt vor der Qual der Wahl stehen, mit unserem Artikel geholfen haben. Und ob ihr jetzt Latein wählt oder nicht:
Solltet ihr mit eurem Latein am Ende sein – greift ruhig auf lebendige Sprachen zurück!