Sich nicht unterkriegen lassen

Sich nicht unterkriegen lassen

von Christine Zeides 

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erstellt am 14.04.2011



Carla Hotfiel (23) hat 2007 ihr Abitur am FvSG gemacht und danach eine Musicalausbildung an der Stage School Hamburg begonnen. Nach dem Abschluss 2010 begann sie ein Lehramtsstudium für Kunst/ Musik und Germanistik in Bielefeld.

Was fasziniert Sie so am Musical?
Am Musical faszinieren mich vor allem die Vielfältigkeit und natürlich die Kombination aus Tanz, Gesang und Schauspiel.
 
Warum haben Sie sich damals für ein Musicalstudium entschieden?
Singen und Tanzen gehörten schon früh zu meinen Leidenschaften. Ich habe mir oft Musicals angesehen und fand sie spannend. Während des Berufswahlpraktikums an meiner Schule war ich am Aalto-Theater in Essen tätig und auch dort war ich begeistert. Ein Jahr vor meinem Abitur habe ich an einem Workshop der Stage School teilgenommen, den man als Aufnahmeprüfung werten lassen konnte. Das habe ich aus Spaß an der Freude auch gemacht und bin prompt genommen worden. Also fand ich keinen Grund, die Ausbildung nicht zu beginnen.
 
Haben Sie sich in den Jahren zuvor darauf vorbereitet?
Ich habe mich nicht speziell darauf vorbereitet. Seit meinem 3. Lebensjahr hatte ich Ballettunterricht (mit Unterbrechung) und habe mich sehr für Musik interessiert. Ich habe Klavier- und Querflötenstunden genommen und mit 14 angefangen zu singen. Auch als ich die Zusage von der Akademie erhalten habe, habe ich kein besonderes „Powertraining“ gemacht. Ich wollte das Ganze einfach auch mich zukommen lassen.
 
Was hat ihnen am Musicalstudium besonders viel Spaß gemacht?
Oh, das ist schwer. Ich kann gar nicht genau benennen, was mir am besten gefallen hat. Die Einzelgesangstunden waren toll, weil man Dinge auf höherer Ebene und anderem Niveau gelernt hat als ich es bisher von der Schule kannte. Zudem gab es jeden Freitag freiwillige Präsentationen, bei denen Schüler Gelerntes vor Publikum vortragen konnten. Besonders im ersten Jahr fand ich es interessant zu sehen, wie weit die Leute im Abschlussjahr schon waren – natürlich immer mit dem Wunsch es auch einmal so gut zu können.
 
Wie genau lief das Studium ab? Welche Art von Prüfungen gab es?
Während des Studiums hat man einen festen Stundenplan wie in der Schule. Die Fächer sind in die drei Sparten Tanz, Gesang und Schauspiel unterteilt. Zum Bereich Singen gehörten unter anderem der Einzelunterricht, Technik und Theorie zur Tonentstehung sowie  Chor und Ensemble. Beim Tanzen probten wir verschiedene Richtungen, alles vom Ballett bis zum Hip Hop. Das Schauspieltraining war rollenbezogen aber auch methodisch, wir haben Dialoge und Monologe einstudiert und eine spezielle Sprechtechnik für die Bühne gelernt. Außerdem gab es Theatergeschichte und Musiktheorie, was wirklich interessant war.
ImSchuljahrhatten wir zwei Prüfungen: eine Zwischenprüfung im Winter und eine Abschlussprüfung im Sommer. Wir mussten Lieder vortragen, Choreografien vorführen und verschiedene Dialoge und Szenen vorspielen. Natürlich war die Prüfung im ersten Jahr am leichtesten; in meinem Abschlussjahr musste ich für die Endprüfung unter anderem neun unterschiedliche Songs vorbereiten, von denen sich die Jury drei aussuchen durfte. Bei den Abschlussprüfungen im Sommer bekamen wir auch Noten und Bewertungen, so dass man eine Prüfung eben auch nicht bestehen konnte.
 
Wie würden Sie die Konkurrenzsituation während der Musical-Ausbildung beschreiben?
Nun ja, das kommt darauf an.  Einerseits herrschte  in meinem Jahrgang ein großes Gemeinschaftsgefühl, andererseits war die Konkurrenz untereinander recht groß. Man beobachtet die anderen und schenkt sich gegenseitig nichts. Trotzdem hatten wir zusammen viel Spaß, besonders bei unserem Abschlussprojekt.
 
Wenn man ein Musical ansieht, sieht alles immer sehr leicht und ungezwungen aus.  Wie viel Arbeit steckt für jeden Darsteller wirklich in so einer Show?
Die Darsteller in den großen Produktionen haben sieben Shows pro Woche; montags frei und samstags zwei Shows. Dazu kommen noch die Proben, für die bei einer Neuaufnahme drei bis vier Monate eingeplant werden.
Vor jeder Vorstellung kommen die Darsteller mindestens drei Stunden zuvor, wenn nicht sogar fünf bis sechs Stunden zuvor oder noch viel früher. Sie müssen in die Maske und zum Kostüm. Alle müssen sich einsingen und aufwärmen. Außerdem gibt es immer etwas mit der Truppe zu besprechen: mal ist einer krank, der ersetzt werden muss, dann gibt es einen technischen Defekt, auf den geachtet werden muss, und Gruppenchoreografien werden sowieso vor jeder Vorstellung mehrmals getanzt.
 
Warum haben Sie sich später für ein Lehramtsstudium entschieden? Haben viele der Absolventen diese Entscheidung getroffen?
Wer im Musical arbeitet, lebt auf unsicherem Terrain. Da ich aber eher der bodenständige Typ bin, und nicht gerne von hier nach da wechsle, habe ich jetzt das Studium für Kunst und Musik begonnen. Wer als Musicaldarsteller erfolgreich sein will, muss nicht (nur) unbedingt gut singen können: es kommt nicht unbedingt auf die Qualität, sondern eher auf Glück und die Laune der Juroren an.
Von meinen Freunden hat nur eine Minderheit ein neues Studium angefangen; ich will damit nicht sagen, dass die anderen alle eine Anstellung gefunden haben. Außerdem ist das Musikstudium für mich eine gute Verbindung zu meiner Ausbildung und ich habe die Möglichkeit, mein Wissen mit einzubringen. Musical ist ja immer noch meine Leidenschaft!
 
Was halten Sie von dem Wunsch vieler Jugendlicher, Musicalstar, Popstar oder Schauspieler zu werden?
Zuerst einmal ist Musicaldarsteller ein Beruf wie jeder andere. Allerdings ist es schwer, nach der Ausbildung einen Job zu finden, von dem man auch wirklich leben kann. Im Glücksfall findet man eine Anstellung mit einem Jahresvertrag – meistens ist es aber nur für drei Monate. Danach ist man dann wieder auf der Suche.
Trotzdem finde ich, dass man Träume haben sollte. Und viele, die ihrer Leidenschaft früher nicht nachgegangen sind, ärgern sich später darüber.
 
Was möchten Sie den jungen Leuten, die ein Musicalstudium anvisieren, mit auf den Weg geben? 
Diejenigen, die den Wunsch haben, Musicaldarsteller/in zu werden, sollten ihrer Leidenschaft nachgehen und sich nicht unterkriegen lassen. Es ist wirklich kein Zuckerschlecken.
 Ich habe unglaublich viel gelernt – in jeglicher Hinsicht – und es war Traum von mir, den ich jedem empfehlen kann, der Tanz, Gesang und Bühne liebt!
 
Ich danke Ihnen recht herzlich für das Gespräch!