Ein Geist auf der Suche nach Identität

Ein Geist auf der Suche nach Identität

von Felix Eisele erstellt am 27.05.2011

Literaturkurs des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums inszenierte „Das Gespenst von Canterville“

Bünde. Hätte er seine Nerven einst besser im Zaum gehalten, hätte er seiner Gattin vertraut anstatt sie kaltblütig zu ermorden – dem erhabenen Sir Simon wäre wohl eine Menge Ärger erspart geblieben. Ruhelos und furchteinflößend streift er heute, gut 400 Jahre nach der blutigen Tat, als „Gespenst von Canterville“ durch sein Schloss. Die tiefste aller Identitätskrisen aber steht ihm erst noch bevor, wie die Inszenierung des Literaturkurses des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums am Mittwoch deutlich aufzeigte.

Gesellschaftssatire? Burleske? Oder doch nur sentimentale Romantik? Oscar Wildes Literaturklassiker vereint gleich alle drei Attribute zu einer humoristischen Erzählung. Der englische Hochadel, die US-amerikanische Naivität, derber Wortwitz und eine herzzerreißende Posse am Rande des Geschehens. Sie alle finden Einzug in ein Schauermärchen der besonderen Art. Es ist die Geschichte von einem der auszog, das Fürchten zu lehren und gleichsam ernüchtert wie glücklich zurück kehrt.

Was waren das noch für Zeiten auf Schloss Canterville, als Sir Simon jeden Fremdling mit Rasselketten und allerlei furchteinflößendem Trara in die Flucht schlagen konnte. Eine uneinnehmbare Festung, regiert vom mächtigsten aller Schlossherren. Bis eines Tages die Botschafter-Familie Otis die alten Gemäuer bezieht und sich in der Tradition des US-amerikanischen Imperialismus einnistet.

Mit Kissen beworfen, zum Schweigen verurteilt, von neumodischen Erfindungen gedemütigt – Respekt vor alter Tradition scheinen die Eindringlinge allen Gruseleien zum Trotz nicht an den Tag zu legen. Selbst den Blutfleck seiner einstigen Gemahlin, der seit der Mordnacht als Mahnmal auf der Schlosstreppe prangte, lassen die Amerikaner kurzerhand entfernen. Eine tiefe Erniedrigung für den mittlerweile hoffnungslos herabgewürdigten Sir Simon, der erst dank des Mitgefühls der Otis-Tochter Virginia vom Leid erlöst wird. „Und es ward still, auf Schloss Canterville.“

Dabei ist es gar nicht die erlösende Stille, die das Schauspiel des Literaturkurses zu einer gelungenen Inszenierung werden lässt. Vielmehr ist es der humorvoll-düstere Tenor des Stücks, der durch gekonntes Schauspiel der Akteure und wohl durchdachtes Bühnenbild gleichermaßen erlebbar gemacht wird.

Es ist schon bemerkenswert, wie Hauptdarstellerin Lena Diestelhorst zwischen der Erhabenheit des einstigen Schlossherren, der gruseligen Erscheinung des Verfluchten und der letztlich abgrundtiefen Hilflosigkeit des gedemütigten Gespenstes die Gemüter wechselt. Flankiert vom frech aufspielenden Otis-Clan (Helena Horstmann, Caren Stachorra, Karolina Auinger, Julia Kaltschmidt, Stefanie Schmidt) schweißt Lehrerin Martina Porysiak zu einer harmonischen Einheit zusammen, die in einem fein-detaillierten Bühnenbild ihre Geschichte nicht nur spielt, sondern sichtbar lebt. Donnerschläge, Kirchturmglocken und brillante Kostüme runden den Eindruck ab. Dass dabei sogar spontane Eigenideen Einzug in die Inszenierung finden, spricht für den Kurs.
 

© 2011 Neue Westfälische
10 - Bünde, Freitag 27. Mai 2011


Klassiker aus der Feder von Oscar Wilde


Die Erzählung „Das Gespenst von Canterville“ des irischen Schriftstellers Oscar Wilde erschien erstmals im Jahr 1887 in der Londoner Zeitschrift „The Court and Society Review“ und war das erste erzählerische Werk des Schriftstellers. Als Gesellschaftssatire beginnend, führt der Autor die Erzählung im Stil einer Burleske weiter, um sie romantisch-sentimental ausklingen zu lassen. Wilde selbst bezeichnete die Erzählung als „materio-idealistische romantische Erzählung“.

Die Inszenierung des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums basiert auf einer Vorlage des deutschen Theaterverlages und wurde durch kleine eigene Modifizierungen erweitert. Seit Januar laufen die Proben des Literaturkurses unter Leitung von Martina Porysiak.

Auch der zweite Literaturkurs der Schule besinnt sich in diesem Jahr auf Oscar Wilde. Unter der Leitung von Silke Tylinda präsentiert der Kurs am 20. und 21. Juni das Bühnenstück „Ernst sein ist alles“ in einer eigenen Inszenierung im Forum Ennigloh.
 
© 2011 Neue Westfälische
10 - Bünde, Freitag 27. Mai 2011

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