Philosophie in der Sekundarstufe II

Philosophie in der Sekundarstufe II

„Wie viel Zeit haben wir noch?“ fragt der Kapitän der zurück liegenden Mannschaft seinen Coach. „Wie lässt sich Zeit messen?“ fragt der Physiker. „Was ist Zeit?“ fragt der Philosoph.
Vielleicht gibt dieses Beispiel eine Idee davon, was Philosophie ist, genauer: mit welcher Art Fragen es Philosophierende aufnehmen. Die Philosophie stellt in besonderer Weise grundlegende Fragen und was man in der Philosophie einsehen kann, steht jeweils der Sache nach am Anfang. Der Sache nach am Anfang stehen soll dabei den Gegensatz bilden zu: am Anfang unseres Umgangs mit den Sachen stehen. Ein zweites Beispiel: Der Jurastudent hat viel von den Berufschancen gehört, die man als Jurist hat, und weiß vielleicht auch schon einiges von der Kompliziertheit bestimmter juristischer Probleme zu berichten. Der praktizierende Jurist sollte mit der Sache sicher umgehen können: er muss sich innerhalb des geltenden Rechtssystems orientieren können. Der Rechtsphilosoph fängt der Sache nach vorn an und fragt: Was ist „Recht“ überhaupt?

Philosophie kann verstanden werden als Praxis des methodisch geleiteten Nachdenkens über Fragen derart grundlegender und begrifflicher Art. Philosophen versuchen zunächst nicht mehr – und das ist schon viel! – als Ordnung in unsere Begriffe zu bringen. Sie denken mindestens so viel über unser Nachdenken über die Welt nach wie über die Welt selbst.
Die Fachschaft fühlt sich einer Kultur des Selbstdenkens verpflichtet, d.h. sie legt Wert darauf, dass sich das Schulfach nicht in einer philosophiehistorischen Unterweisung erschöpft, sondern vielmehr die ‚klassischen’ Antworten auf philosophische Fragen zum Ausgangspunkt des eigenen Denkens macht. Philosophische Grundfragen nach Immanuel Kant sind:

- „Was kann ich wissen?“
- „Was sollen wir tun“?
- „Was darf ich hoffen?“
- „Was ist der Mensch?“
 
Weitere und offizielle Informationen zum Oberstufenfach Philosophie sind zu finden unter dem nachfolgenden Link:
https://www.schulentwicklung.nrw.de/lehrplaene/lehrplannavigator-s-ii/gymnasiale-oberstufe/philosophie/philosophie-klp/index.html
 
 
Philosophie in der Einführungsphase (EF)
EF.1 Einführung in die Philosophie
In dieser Einführung in die Philosophie machen wir uns einerseits mit einigen Grundfragen und Disziplinen der Philosophie und andererseits mit fachspezifischen Methoden des Philosophierens vertraut. Zu letzteren gehören neben der philosophischen Argumentation (z.B. im Zusammenhang mit moralischen Dilemmata), die Begriffsanalyse, Formen der Textrekonstruktion, das so genannte ‚Sokratische Gespräch’ und das ‚Gedankenexperiment’.
 
Die nachfolgenden Unterrichtsvorhaben können in anderer Reihenfolge als der hier dargelegten erarbeitet werden.
 
EF.2. „Was ist der Mensch?“ - Einführung in Anthropologie
Zur Beantwortung der Grundfrage „Was ist der Mensch“ werden Merkmale des Menschen als eines aus der natürlichen Evolution hervorgegangenen Lebewesens bestimmt und wesentliche Unterschiede zwischen Mensch und Tier bzw. anderen nicht-menschlichen Lebensformen erklärt (u.a. Sprache, Kultur), zudem analysieren wir einen anthropologischen Ansatz zur Bestimmung des Unterschiedes von Mensch und Tier auf der Basis ihrer gemeinsamen evolutionären Herkunft in seinen Grundgedanken.
 
EF.3 Was ist gutes Handeln?“ - Einführung in Ethik (Moralphilosophie)
Die philosophische Ethik bestreitet, dass Traditionen und Konventionen – zumal in ihrem konkurrierenden Nebeneinander – hinreichend begründen können, was wir tun sollen, und sucht nach einer Begründung für eine allgemeingültige und zeitlose Moral. Im Zuge unserer Beschäftigung mit Ethik klären wir verschiedene Fachbegriffe, z.B. was „normative Ethik“ und „Metaethik“ unterscheidet. Zur Beantwortung der Grundfrage „Was ist gutes Handeln“ erarbeiten wir moralische Zwickmühlen (Dilemmata) anhand von Fallbeispielen und üben uns im moralphilosophischen Urteil. Auch diskutieren wir darüber, ob sich eine Moral rechtfertigen lässt, die für alle Menschen gleichermaßen gelten soll (Universalismus) oder ob je nach Kultur andere moralische Maßstäbe gelten müssen (Relativismus).
 
EF.4 „Was kann ich wissen?“ - Einführung in Erkenntnistheorie
Wie lässt sich beweisen, dass es sich bei einer subjektiven Gewissheit um eine objektive „Wahrheit“ handelt? Können wir den Sinnen oder dem Verstand vertrauen? „Ich denke, also bin ich“? Im zweiten Halbjahr der Einführungsphase Philosophie werden wir der Frage nachgehen, wie Erkenntnis zustande kommt, wie sie belegt bzw. als „wahr“ gerechtfertigt werden kann. Wir werden aber auch nach Grenzen der Erkenntnis fragen. Bei unseren Überlegungen nehmen wir Texte der klassischen Philosophie zu Hilfe (Locke, Hume, Descartes, Kant u.a.).
 
EF.5 „Was darf ich hoffen?“ - Einführung in Religionsphilosophie
Religionsphilosophie stellt die Frage danach, inwiefern es metaphysische (überweltliche) Ursachen für die Existenz und Vorgänge in unserer Welt gibt, es ist die Frage nach der Existenz Gottes. In diesem Zusammenhang analysieren und diskutieren wir Gottesbeweise, zum Beispiel den ontologischen, den kosmologischen und den teleologischen Gottesbeweis.
 
EF.6 Wann darf und muss der Staat die Freiheit des Einzelnen begrenzen? – Die Frage nach der Legitimität staatlichen Strafens
 „Strafen müssen sein!“ – Aber warum überhaupt? Im Rahmen einer Einführung in politische Philosophie analysieren wir unterschiedliche rechtsphilosophische Ansätze zur Begründung für Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bürger*innen in ihren Grundgedanken, grenzen diese Ansätze (Vergeltungstheorie, General- und Spezialprävention) voneinander ab, diskutieren über die Legitimität staatlichen Strafens und stellen die Frage, was wichtiger ist: Freiheit oder Sicherheit?
 
 
Philosophie in der Q1 und Q2
Die nachfolgenden Unterrichtsvorhaben können in anderer Reihenfolge als der hier dargelegten erarbeitet werden.
 
Q 1.1  „Was ist der Mensch?“ – Philosophische Anthropologie
Im Rahmen dieser vertieften Auseinandersetzung mit philosophischer Anthropologie erarbeiten wir das Leib-Seele-Problem bzw. die Frage, wie und ob es möglich ist, dass in einem scheinbar durch und durch materiellen Universum ein nicht-materielles Bewusstsein existieren kann. Wir erarbeiten und diskutieren dazu verschiedene philosophische Ansätze, um dann in einem weiteren Schritt die Frage nach dem „freien Willen“ zu diskutieren: Ist der freie Wille nur eine Illusion? Anhand von Texten unterscheiden wir deterministische und indeterministische Positionen auch in ihren Nuancierungen (z.B. Prinz, Hospers, Bieri, Sartre).
 
Q1.2 Probleme des menschlichen Handelns (Ethik)
Normative Ethik rechtfertigt grundlegende moralische Normen. Philosophen wie Aristoteles und Epikur, aber auch Kant, Mill und Jonas haben versucht, mit Hilfe der Vernunft Grundsätze des moralischen Handelns („Normen“) zu formulieren und zu begründen. Die Frage: „Was soll ich tun, um ein gelungenes Leben zu führen?“, führt dabei in die Individualethik, die Frage, wie ich andere (nicht) behandeln soll, in die Sozialethik. Was ist „gut“? so fragte bereits Sokrates. Im Zuge einer vertieften Auseinandersetzung mit moralischen Fragen erarbeiten wir die moralphilosophischen Ansätze des Utilitarismus (Nützlichkeitsethik) und der Pflichtethik und üben uns im wohlbegründeten Urteilen.
 
Q2.1 Probleme von Politik, Recht, Staat und Gesellschaft
Während wir uns in der Ethik mit dem guten, dem richtigen Leben und Handeln des Individuums beschäftigten, stellen wir nun in der politischen Philosophie die Frage nach der guten, der richtigen Organisation des Zusammenlebens von Menschen. Im Mittelpunkt unserer Betrachtungen stehen dabei zwei Fragen. Erstens die Frage nach der Legitimation des Staates: „Gibt es vom Standpunkt der Vernunft aus überzeugende Gründe dafür, dass es einen Staat geben soll?“ Und zweitens die Frage nach der richtigen Beschaffenheit eines als gerechtfertigt annehmbaren Staates oder einer Gesellschaft: „Wie sollte ein guter (ein idealer) Staat oder eine solche Gesellschaft eingerichtet sein?“
Im Rahmen dieser vertieften Beschäftigung mit politischer Philosophie lernen wir die bis dato wohl prominenteste Rechtfertigung für die Existenz des Staates kennen: die so genanten Vertragstheorien, die uns beispielsweise in den Positionen der Autoren Hobbes und Locke begegnen. Unser Ziel ist es, vor dem Hintergrund dieser Theorien zu eigenen, fundierten Antworten auf die zentralen Fragen der Staatsphilosophie zu kommen.
 
Q 2.2  Probleme des Denkens, Erkennens und der Wissenschaft 
Kann der Mensch die Wirklichkeit überhaupt adäquat erkennen oder muss er sich mit der Verhaftung in minderwertiger Scheinerkenntnis zufrieden geben? Bereits Platon problematisierte den Status der alltäglichen und auf den Sinnen beruhenden Erkenntnis, um im Gegenzug die Möglichkeit eines Weges zur Erkenntnis ewiger Wahrheiten und „Ideen“ zu behaupten. Der erkenntnistheoretische Zweifel kennt viele Gesichter. Wie z.B. steht es um unsere Möglichkeiten sicherer Voraussage: Kann ich wissen, dass auch morgen die Sonne wieder aufgehen wird, oder muss ich mich mit Wahrscheinlichkeitsaussagen begnügen? Wer von herrschenden „Naturgesetzen“ spricht, unterstellt der Natur eine Gleichförmigkeit, die keine noch so große Zahl von Beobachtungen begründen kann. Spätestens seit David Hume suchen Philosophen nach Lösungen dieses so genannten Induktionsproblems.
Alle Einzelwissenschaften betreiben Wissenschaft, doch bleibt es der Philosophie, genauer: der Wissenschaftstheorie, vorbehalten zu fragen, was das bedeutet. Was unterscheidet eine wissenschaftliche von einer nicht-wissenschaftlichen Erklärung? Wieso z.B. gilt die Astronomie, gemeinhin nicht aber die Astrologie als „Wissenschaft“? Wie vollzieht sich wissenschaftlicher Fortschritt? Gibt es ihn überhaupt oder vielmehr nur Brüche innerhalb der wissenschaftlichen Theorielandschaft, die unser Bild von der Welt bestimmt? (Carnap, Popper, Kuhn, Feyerabend, Dilthey)
 
 
Was kann ich im Philosophieunterricht lernen? Einige Aspekte:
 
Sachkompetenz

  • Systematisch:philosophische Problemstellungen und Positionen kennen lernen, genauer:
  • Welche Prinzipien der Begründung und Rechtfertigung des Denkens und Handelns gibt es?
  • Welche Prinzipien gibt es, Wahrheitsbehauptungen und Machtansprüchen Geltung zu verschaffen?
    • Historisch: Orientierung in der Philosophiegeschichte (und damit der Geschichte der einflussreichen und Kultur prägenden Ideen) gewinnen, „vertiefte Allgemeinbildung“ in besonderem Maße erwerben
 
Methodenkompetenz
  • klar und folgerichtig denken
  • verständlich reden und schreiben
  • ansprechende Präsentation eigener Erarbeitungen
  • in philosophischen Texten das zugrunde liegende Problem, die zentrale These und die gedankliche Abfolge erarbeiten können
  • dabei Sachaussagen und Werturteile,  Begriffsbestimmungen, Behauptungen, Begründungen, Erläuterungen und Beispiele unterschieden können
  • wesentliche Aussagen interpretieren können
 
Soziale Kompetenz
  • genau zuhören
  • den ‚roten Faden’ in Diskussionen halten
  • sich in Mitmenschen mit anderen Auffassungen hineindenken (Empathie entwickeln)
  • sachliches Streiten, Konfliktfähigkeit
  • Verantwortung für gemeinsame Arbeitsprozesse übernehmen, Kooperationsfähigkeit
 
Urteilskompetenz
  • sich über Voraussetzungen des eigenen Denkens und über eigene Werthaltungen klar werden, Erlernen von Kritikfähigkeit bzw. Fähigkeit zur Selbstkorrektur
  • Autor*innen gegen vorschnelle Kritik verteidigen
  • wohlbegründet Kritik üben
  • Argumente bewerten hinsichtlich ihrer Überzeugungskraft im Hinblick auf die zugrunde liegende Problemstellung
  • Argumente gewichtend abwägen und zu einem plausiblen Resümee gelangen
 
Handlungskompetenz
  • verantwortbare Handlungsperspektiven für aus der Alltagswirklichkeit erwachsende Problemstellungen entwickeln
  • versierte Teilhabe an rationalen Diskursen im Unterricht
  • auf andere Perspektiven eingehen können

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