Das FvSG gedenkt dem ehemaligen Schüler Fritz Pleitgen

Das FvSG gedenkt dem ehemaligen Schüler Fritz Pleitgen

von Gunnar Woltering, Jens Ransiek erstellt am 16.09.2022

Am 15.09.22 verstarb Fritz Pleitgen im Alter von 84 Jahren.
Seine Journalistenkarriere begann Fritz Pleitgen als Schüler unserer Schule (damals noch Neusprachliches Gymnasium Bünde) von 1949 bis 1955; zunächst als freier Mitarbeiter für Lokales und Sport, später als Volontär und Redakteur der FREIEN PRESSE (heute Neue Westfälische). 1963 wechselte er als Reporter zum WDR. Er arbeitete als Korrespondent in Moskau, Ostberlin, Washington und New York. 1988 wurde er Fernsehchefredakteur, danach Hörfunkdirektor und schließlich Intendant des größten deutschen Senders. Die ARD wählte ihn zu ihrem Vorsitzenden und die Europäische Rundfunkunion (74 Sender aus 54 Ländern) zu ihrem Präsidenten. Nach seinem Abschied vom Rundfunk wurde er Chef der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Er blieb der Stadt Bünde und der Schule immer verbunden. So hielt er die Festrede zum 100-jährigen Schuljubiläum und bereicherte mit seinem Artikel „Erinnerungen an die Zigarrenstadt“ unsere Festschrift zum 125-jährigen Bestehen des FvSG. Den Beitrag können Sie hier lesen und interessante Details aus dem Leben von Fritz Pleitgen in Bünde entnehmen.

Für das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium

Gunnar Woltering und Jens Ransiek
 
 
Erinnerungen an die Zigarrenstadt
Von Fritz Pleitgen, 2013


Im deutschen Schulwesen dürfte Bünde als eine Ausnahmeerscheinung zu betrachten sein. Wo sonst wird einem Schüler die Ehre zuteil, um einen Beitrag zum 125-jährigen Bestehen seines Gymnasiums gebeten zu werden, das sich einst von ihm brüsk getrennt hatte? In Bünde ist eine solche Volte kein Problem! Zum 100. Jubiläum hatte eben jener Schüler sogar die Festrede halten dürfen.
Woher kommt der souveräne Umgang mit der Vergangenheit? Vermutlich vom preußischen Reformer Freiherr vom Stein, dem das Gymnasium nicht nur seinen Namen, sondern offensichtlich auch den Hang zum neuen Denken zu verdanken hat! Eine Wiederaufnahme des Consilium abeundi-Verfahrens ist deswegen nicht zu befürchten. Es wäre auch zu schade. Viele schöne Geschichten, die sich im Laufe der Jahrzehnte um den Vorgang entwickelt haben, könnten sich dadurch in Luft auflösen.
Der Schüler hat sich das Staunen abgewöhnt, wenn er wieder einmal mit einer neuen Version seiner Aktion konfrontiert wird. Die Geschichte verfolgt ihn bis in ferne Länder. Als er im mexikanischen Yucatan mühsam von einer Stufenpyramide der Mayas herunter geklettert war, empfing ihn ein Landsmann mit den Worten: „Das ist der Mensch, der in Bünde zwei Lehrerautos in der Else versenkt hat.“
Der Versuch einer Korrektur scheiterte. Die Illusion sollte offensichtlich nicht zerstört werden, dass in Bünde Schüler bereits weit vor den 68er Studenten den Aufstand gegen das Establishment gewagt hatten. Gegen soviel Phantasie hat die banale Wirklichkeit keine Chance. Der Schüler hat es deshalb aufgegeben, sich dieser Erkenntnis zu widersetzen.
Auf seine Zeit in Bünde schaut er mit Sympathie zurück. In dem Städtchen an der Else hat er prägende Jahre seines Lebens verbracht. Die Zuneigung ist kein nachträgliches Lippenbekenntnis, sondern wurde vom Schüler gelebt. Wo immer er später als Korrespondent seine Zelte aufschlug, nahm er Bünde mit. Zwei Bilder gehörten zum Wandschmuck seiner Büros. Das eine zeigte die Laurentiuskirche in Bünde, das andere das Amtshaus in Ennigloh.
Beide Gebäude hatten in seinem Leben eine Rolle gespielt. In der Laurentiuskirche war er konfirmiert worden. Bei der Prüfung hatte ihm Pastor Becker die Chance gegeben, vor der versammelten Gemeinde groß herauszukommen. Er ließ ihn über das Konzil von Nicäa und den Streit der Kirchenlehrer Arius und Athanasius erzählen. Anschließend trug man sich in der Gemeinde mit dem Gedanken, den Schüler Theologie studieren zu lassen. Die Mutter konnte sich einen solchen Werdegang ihres Sohnes nicht vorstellen. Wegen nicht passender Verhaltensweisen wurde die Idee auch in der Gemeinde ziemlich schnell fallen gelassen.
Auch für den Aushang des Amtshauses gab es einen guten Grund.  Es war in früheren Jahrzehnten eine respektierte Institution gewesen. Von hier dirigierte der allmächtige Amtsdirektor Dr. Martens die Geschicke der damals noch selbstständigen Gemeinde Ennigloh. In dieses Haus wurde er – nun nicht mehr Schüler – einbestellt und vom Amtsdirektor persönlich mit der frohen Botschaft überrascht, dass seiner Familie in einem Neubau am Friedhof eine Wohnung mit fließendem Wasser zugeteilt wurde. Das war ein beträchtlicher Fortschritt und hatte, das ließ Dr. Martens durchblicken, mit seinem sportlichen Einsatz für den Fußball-Landesligisten SV Ennigloh 09 zu tun. Der Amtsdirektor sah in dieser Hinsicht noch Luft nach oben.
Die beiden Bilder erinnerten aber nicht nur an private Erlebnisse, sondern boten Gelegenheit, auf die gloriose Rolle einzugehen, die Bünde in der europäischen Geschichte gespielt hatte. Was wäre aus Großbritannien geworden, wenn sich nicht die Sachsenfürsten Hengist und Horsa in Bünde getroffen hätten? Einen Bund haben sie geschlossen, um in Old Albion für ordentliche Verhältnisse zu sorgen. Was sie dann auch taten! Rustikal, wie es damals so Sitte war.
Das war im fünften Jahrhundert. Da war an Moskau, Ostberlin, Washington und New York noch lange kein Denken, wurden die beeindruckten Besucher belehrt. Der Verdacht, es könne sich um eine Legende handeln, wurde zurückgewiesen. Der Schüler konnte den historischen Vorgang bezeugen. Er war als Sachsenkrieger dabei gewesen, als auf der Elfhundertjahrfeier von Bünde an die große Tat von Hengist und Horsa in einem Umzug durch die Stadt erinnert wurde.
Das sind so Gedanken, die einem Schüler durch den Kopf gehen, wenn er gebeten wird, über seine Schule zu schreiben, die er vor fast 60 Jahren verlassen hat. Woher kommt nun sein Patriotismus für Bünde? Die Antwort ist einfach: die Stadt war ihm für eine wichtige Zeit seines Lebens zur Heimat geworden.
In Essen ausgebombt, nach Schlesien evakuiert, vor der Roten Armee unter dramatischen Umständen geflüchtet fand sich seine Familie nach einer Odyssee durch das brennende Deutschland im unzerstörten Bünde wieder. Im Februar 1945 erschien eine äußerlich heile Welt, wie sie hier mitten in Ostwestfalen angetroffen wurde, wie ein Wunder.
Über die Ankunft der abgerissenen Landsleute war man in der Zigarrenstadt, wie man sie stolz nannte, nicht sonderlich begeistert. Ziemlich harte Hungerjahre schlossen sich an, aber allmählich wurde der Anschluss gefunden. Der CVJM bot Geborgenheit. Diakon Schmidt weckte mit seinen Lesungen Interesse an der Literatur. Die Gemeindebibliothek wurde zur fleißig genutzten Fundgrube inspirierender Geschichten.
So kam es, dass dem Schüler bereits in frühen Jahren eine gewisse Belesenheit zu eigen war, was sich für seinen späteren Beruf nicht als nachteilig herausstellen sollte. 1949 wechselte er von der Volksschule in Ober-Ennigloh auf das Neusprachliche Gymnasium in Bünde. Ein großes Erlebnis! Das stattliche Gebäude am Marktplatz erschien ihm wie ein Hort der Bildung und Würde. Verantwortlich dafür Direktor Schöne, dem die Schüler mit furchtfreier Achtung begegneten.
Gleich in der Sexta ging es mit Latein los. Was der Schüler bei dem strengen, aber gerechten Dr. Grunewald lernte, ist haften geblieben. Römische Lebensweisheiten sind ihm weiter geläufig, ebenso Zitate von Cato, Cicero, Caesar und Seneca, was wiederum mit seinem Interesse an Geschichte vorteilhaft korrespondierte.
Alles in allem schien es auf eine ordentliche Schulkarriere hinauszulaufen, wenn nicht in der Obertertia von Seiten der FREIEN PRESSE (heute Neue Westfälische) das Angebot gekommen wäre, gegen Honorar Informationen über den Lokalsport herbeizuschaffen. 6 Pfennig gab es pro Zeile, was natürlich den Ehrgeiz herausforderte, den Informationsdienst auf lokale Ereignisse generell auszuweiten. Mit dem wachsenden journalistischen und wirtschaftlichen Erfolg ging eine immer stärker werdende Entfremdung zur Schule einher.
Der endgültige Bruch, der in der Obersekunda erfolgte, löste zunächst einen Schock aus. Doch der legendäre Pastor Prüßner, mit dessen Tochter der Schüler in zarter Jugendliebe verbunden war, wusste gleich Trost. „Wer weiß, wofür das gut ist!“ erklärte er. In den Worten steckt viel Weisheit. Sie hat dem Schüler im späteren Leben geholfen, die eine oder andere kritische Situation zu überwinden.
Im akuten Fall funktionierte das Pastorenwort sofort. Der Schüler blickte nach vorn. Er hatte ein klares Berufsziel vor Augen: er wollte Journalist werden. Die Schule war ihm ziemlich egal. Seine gymnasiale Laufbahn fand deshalb in Bielefeld nur noch eine kümmerliche Fortsetzung, bevor sie vorzeitig endete. Er fühlte sich befreit. Nun konnte er für den Journalismus alles geben.
Zur Nachahmung hat er seinen Lebensweg nie empfohlen. Normalerweise musste seine Einstellung mit einer Bruchlandung enden. Heute in jedem Fall! Deshalb hat er später als Vorgesetzter stets einer guten schulischen und professionellen Ausbildung das Wort geredet.
Wie hat er nun seine eigenen Defizite wettgemacht? Mit viel Einsatz und der ständigen Bereitschaft, sich sein Leben lang weiterzubilden, was heute als lifelong learning Standard einer jeden Karriere sein sollte. Geholfen hat ihm sicher auch seine Lust an schwierigen Aufgaben. Vor allem hat er unverschämt viel Glück gehabt. Darüber will er ausführlich reden, wenn er zum 150-jährigen Bestehen des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Bünde erneut um einen Festbeitrag gebeten werden sollte.

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