Rede zu den Perspektiven des FvSG

von Gunnar Woltering erstellt am 25.06.2018

Liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Eltern und Familien,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe (Kooperations)Partnerinnen und Partner,
liebe Förderer, Freundinnen und Freunde und Ehemalige des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums,
 
seit dem 16. Februar 2017 bin ich nun Schulleiter dieser wunderbaren Schule. Nach fast 16 Monaten kann ich klar sagen: Ich bin angekommen.
Und auch wenn sich mir noch immer nicht alles bis ins letzte Detail erschließt, so habe ich bisher einen sehr guten Überblick gewinnen können und behaupte einmal, mich nun auszukennen. Das Verstehen von Zusammenhängen hat viel mit langjährigen Entwicklungsprozessen zu tun, die im Nachhinein von mir nur vage nachvollzogen werden können. Oft bin ich aber ganz froh, sie nicht zu kennen, denn so kann ich Vieles möglichst unvorbelastet wahrnehmen, einschätzen und erörtern.
In diesen ersten Monaten habe ich ganz bewusst an vielen Veranstaltungen und Sitzungen teilgenommen, um unsere Schule kennenzulernen. Natürlich werde ich auch weiterhin an diversen Veranstaltungen und Sitzungen teilnehmen. Das ist nicht nur ganz klar meine Aufgabe, sondern das tue ich leidenschaftlich gern. Aber es ist mir ebenso wichtig - und das habe ich von Beginn an in vielen Gesprächen immer wieder betont -, dass eigene Verantwortlichkeiten auch gelebt werden sollen: Als Schulleiter setze ich großes Vertrauen in alle am Schulleben Beteiligten: Vertrauen, dass alle Aufgabenbereiche - egal, wer für sie zuständig ist -  mit vollem persönlichen Einsatz bestmöglich gestaltet und im Sinne unserer Schule verantwortungsvoll ausgefüllt werden.  
„Im Sinne unserer Schule“ – was bedeutet das eigentlich für mich persönlich?
Von Beginn an war mir wichtig, das Signal zu setzen, dass mit mir als neuem Schulleiter selbstverständlich keine riesigen Veränderungsprozesse im Hauruckverfahren und schlimmstenfalls auch noch im Alleingang zu erwarten sind. Und als manche mich fragten, was denn meine Vision von Schule sei, da bin ich ebenfalls erst einmal ausgewichen. Aus guten Grund: Ich wollte unsere Schule zunächst einmal kennenlernen.
Mit dem Umstieg auf G9 und den damit verbundenen Chancen, unsere Schule noch einmal mehr weiterzuentwickeln, ist es nun an der Zeit, dass ich selbst ein paar meiner Ideen und Vorstellungen preisgebe. Gemäß Helmut Schmidt würde ich nie von Visionen sprechen, also nennen wir es einmal „Traumvorstellungen eines Schulleiters“. Und wie bei allen Träumen gilt: Manche werden wahr, einige stellen sich in der Wirklichkeit anders dar als gedacht (positiv wie negativ) und manche erfüllen sich nie. Also, fange ich einmal an zu träumen, gemäß mancher Übung in unseren Englischlehrwerken, vielleicht betitelt mit „My dream school“ und ich nutze ganz bewusst nur einige „Schlagzeilen“:

Weniger Klassenarbeiten und Klausuren, dafür zentrale Prüfungstermine, vor allem mehr mündliche Prüfungen und warum nicht auch ein individuelles Anmelden und absolvieren von Prüfungen? Warum müssen alle Schülerinnen und Schüler abseits sicherlich sinnvoller zentraler Überprüfungen stets  gleichzeitig Klassenarbeiten und Klausuren schreiben? Wie heißt es doch immer so schön: Wir lernen nicht nur für Klassenarbeiten, wir lernen für das Leben. Dieser Satz sollte wahr sein, er ist es aber leider nicht. Und die viele Zeit, die die Kolleginnen und Kollegen in die Stapel von Korrekturen investieren, könnte man im Sinne unserer Schülerinnen und Schüler weit besser nutzen!
 
Weniger Noten, vielleicht nur bei zentralen Überprüfungen? Seien wir ehrlich: Worauf schauen Schülerinnen und Schüler bei der Rückgabe einer Klassenarbeit oder Klausur: Nicht auf die einzelnen Aspekte im häufig äußerst mühevoll gestalteten Erwartungshorizont, nein, auf die Note! Was wäre, wenn man die Note streichte?

Vernetzung der Fächer und Aufhebung strikter Fächergrenzen zur Stärkung fächerübergreifender Projekte: Ich bin Geschichtler – ohne Erdkunde und Politik geht es ohnehin nicht! Wie sollen Schülerinnen und Schüler Zusammenhänge erkennen, wenn wir vorgeben, alles ordentlich voneinander abgrenzen zu wollen?

Gemeinsame Werte! Soziales Lernen zur Chefsache erklären! In einer Zeit, in der das Individuum immer stärker betont wird und jeder nur noch an sich selbst denkt, müssen wir einen klaren Gegenpol darstellen und das WIR, das Miteinander deutlich mehr in den Fokus rücken!

Feedback systematisieren, um guten Unterricht zu entwickeln! Heutzutage wird mehr denn je bewertet, zu allem können wir uns unsere Meinung kundtun, können „Likes“ verteilen und kommentieren. Für die einen nimmt es Überhand, für die anderen ist es Demokratie. Auch wenn es für mich persönlich Überhand nimmt, so sollten wir doch die positive Seite eines heutzutage schnell eingeholten Feedbacks nutzen, um Unterricht zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Auch wenn ich der Meinung bin, dass alle Schülerinnen und Schüler verstanden haben, was ich ihnen beizubringen versuche, heißt das noch lange nicht, dass dem auch so ist.

Kollegiale Hospitationen und offene Klassenraumtüren, um voneinander zu lernen! Ob der Umgang mit schwierigen Schülerinnen und Schülern, der ein oder andere hilfreiche Tipp für eine ruhige Unterrichtsatmosphäre oder gute Methoden für bestimmte Unterrichtszwecke – Lehrerinnen und Lehrer müssen und sollten nicht immer alles alleine stemmen wollen.

Anspruch eines Gymnasiums: Von Beginn an Leistung einfordern! Klar sichtbare Lernfortschritte und ein gutes Sozialverhalten müssen im Mittelpunkt stehen! Besondere Begabungen und Talente, auch Interessen, müssen von Beginn an gefördert werden! „Es gibt nichts Ungerechteres, als die Gleiche Behandlung von Ungleichen“ – dieses Zitat des amerikanischen Psychologen Paul F. Branntwein sollte an jeder Schule gelebt werden!

Ausrichtung auf LERNEN, nicht auf reine Wissensvermittlung! Wir unterrichten Menschen und keine Fächer! Schülerinnen und Schüler mit sehr guten Grundschulzeugnissen fallen an weiterführenden Schulen so manches Mal plötzlich in ein Loch, weil sich das Lernen im Gegensatz zur Grundschule vollkommen unterschiedlich gestaltet! Wir müssen das Lernen lernen als Schlüsselqualifikation wahrnehmen und beide Schulformen müssen noch mehr zu einer Harmonisierung des Übergangs beitragen!

Schule als Lebensraum wahrnehmen: Ein Schultag und aus unserer Sicht auch ein Arbeitstag darf und soll anstrengend sein! Aber er darf nicht zu völligen Erschöpfungszuständen führen. Daher müssen sich Ruhe-, Bewegungs- und Essenspausen abwechseln – für alle am Schulleben Beteiligten!

Umweltschutz und Nachhaltigkeit: Dem Plastik den Kampf ansagen! Diese Thematik ist in aller Munde, wird in jedem Haushalt allein schon durch einfache Mülltrennung gelebt. In der Schule setzen wir all das wieder außer Kraft. Warum? Den schwarzen Peter nur auf die Kommunen zu schieben löst das Problem sicherlich nicht. Dennoch ist es im Sinne einer Erziehung zur Nachhaltigkeit und eines umweltbewussten Lebens für unser aller Zukunft wichtig, dass die Kommunen in ordentliche Mülltrennsysteme und eine den zeitlichen Ansprüchen angemessene Reinigung investieren!

Klar voneinander getrennte Zeiträume: a) für effektives Lernen und b) für Fahrten, Ausflüge, außerunterrichtliche Projekte etc.

Und nun noch einmal ganz träumerisch: Schulbeginn 9 Uhr, warum eigentlich nicht? Der Biorhythmus von Kindern wird seit jeher nicht berücksichtigt. Und sind wir mal ehrlich: Auch wir könnten, zumindest im Winter, manchmal auch gut etwas mehr Schlaf gebrauchen…
Schließlich: Digitalisierung: Unsere Schülerinnen und Schüler fit machen für die Welt von morgen! Machen wir uns nichts vor: Wer von uns oder wer von unseren Familienmitgliedern oder Freunden, welcher Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, welche Studentin, welcher Student schreibt heute noch seitenweise mit der Hand? Und wie wird das in 20 Jahren aussehen?
Postkarten aus dem Urlaub werden heutzutage oft per App verschickt: Eigene Urlaubsbilder als Dekor und ein Text, der eingetippt weit über alles hinausgeht, was bislang auf eine Postkarte gepasst hat. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Entwicklung? Bin ich ein besserer Mensch, weil ich es schaffe, 20 Postkarten im Urlaub in der glühenden Hitze bei 30 Grad handschriftlich zu verfassen? Und das auch noch mit vielleicht nur vier Zeilen, die auf jeder Karte gleich sind, in der Hoffnung, die Lieben daheim reagieren mit Sätzen wie „Wow, schau‘ mal einer an, der legt noch wert auf uns: eine handschriftliche Postkarte!“ Machen wir uns doch nichts vor: Zeiten ändern sich und auch wenn wir alle Neuerungen stets kritisch hinterfragen und sie nicht einfach so akzeptieren sollten, so führen sie doch häufig auch zu vielen positiven Veränderungen.

Zurück zum Unterricht: Er muss digitaler werden und ich erwarte, dass ausnahmslos jede heutige Lehrerin/jeder heutige Lehrer die Medien in den Unterricht einbaut und effektiv nutzt. Das bedeutet nicht, dass in unserem Unterricht zukünftig nur noch auf Bildschirme gestarrt und getippt wird. Das möchte ich ausdrücklich verneinen! Ich gehe davon aus, dass ca. 1/3 des schulischen Unterrichts für diese Aspekte genutzt wird! Das sind zumindest die Erfahrungen anderer Schulen, die schon auf diesem Gebiet schon Erfahrungen sammeln konnten.
Die Handschriftlichkeit ist weiterhin wichtig! Studien zeigen uns, dass die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, erheblich besser ist. Ja. Die Frage aber ist, was an welcher Stelle sinnvoll ist und auch die Individualität spielt hier eine große Rolle: Die Erstellung von Unterrichtsmitschriften und die Organisation prüfungsrelevanter Wissensinhalte per Hand kann zu besseren Prüfungsergebnissen führen (Uni Hamburg), sie muss es aber auch nicht.
Was heißt das nun konkret und was bedeutet das vor allem mit Blick auf unsere Schulentwicklung unter G9 in den kommenden Jahren:
Hierbei möchte ich klar unterscheiden: Zwischen den für mich feststehenden und sicher gesetzten Aspekten auf der einen Seite und den offenen, noch gemeinsam zu diskutierenden und zu entscheidenden Aspekten auf der anderen Seite:

Zu Ersterem: Klar ist für mich:

a) Unser Freiherr-vom-Stein-Gymnasium ist eine gebundene Ganztagsschule. Aus Überzeugung! Wir wollen, dass jeder Schultag unserer Schülerinnen und Schüler sinnvoll gestaltet ist und in jeglicher Hinsicht effektiv zum Lernen genutzt werden kann. Jeder Schultag soll dabei eine Abwechslung sein aus:
1.       individueller Wissensvermittlung und Wissensanwendung
2.       Lern- und Übungszeiten
3.       Ruhe-, Bewegungs- und Essenspausen
4.       diversen kreativen und wählbaren Angebote
 
b) Wir Lehrerinnen und Lehrer sind in erster Linie Lernbegleiter/-innen, die unseren Schülerinnen und Schülern dabei helfen, sich selbstständig Wissen anzueignen, es anzuwenden, nachhaltig zu festigen und mit anderem Wissen zu vernetzen bzw. es auf andere Inhalte zu übertragen.

c) Digitale Medien werden zukünftig von jeder Lehrerin/jedem Lehrer effektiv in den schulischen Unterricht integriert, damit wir die Lebenswelt unserer Schülerinnen und Schüler nicht aus den Augen verlieren und sie adäquat auf ihr späteres Berufsleben vorbereiten können. Auch der stets kritische Umgang mit Medien soll noch mehr in den Fokus rücken, als bisher. Zudem soll dem individuellen und personalisierten Lernen deutlich mehr Raum gegeben werden.

d) Projektorientierter und fächerübergreifender Unterricht soll weiter gestärkt werden, um unsere Schülerinnen und Schüler zu einem vernetzten Denken anzuregen, das Zusammenhänge deutlich sichtbarer werden lässt.
Die einzelnen, zu entscheidenden Aspekte sind viele. An dieser Stelle nur ein paar Beispiele:
-          Wann setzen wir Klassen neu zusammen?
-          Wie bilden wir zukünftig unsere Mentorenteams?
-          Wie gestalten wir Lernzeiten?
-          Wie gestalten wir das neue Fahrtenkonzept?
All das muss gemeinsam mit allen am Schulleben Beteiligten diskutiert und entwickelt werden.
 
Liebe Schulgemeinde,
in so manchem Gespräch habe ich einige von Euch und Ihnen gefragt, was Sie von mir als Schulleiter erwarten; und in meiner Antrittsrede habe ich grob skizziert, was ich von Euch und Ihnen erwarte. Nun fasse ich beides noch einmal zusammen:
Im Rahmen meiner Möglichkeiten möchte ich Euch und Ihnen den Freiraum gewähren, den Ihr braucht/den Sie brauchen, um sich frei entfalten zu können. Ich wünsche mir, dass Ihr/Sie Neuem gegenüber aufgeschlossen seid/sind, es selbstverständlich stets kritisch hinterfragt/hinterfragen, aber es nicht von vornherein blockieren. Ich wünsche mir, dass wir viele Erfahrungen auf vielen Gebieten sammeln, leidenschaftlich darüber diskutieren, anschließend abwägen, den Weg gemeinsam weitergehen oder aber gemeinsam einen neuen Weg beschreiten.
Lasst uns/Lassen Sie uns das Lernen und Unterricht noch einmal neu denken!
Lasst uns/Lassen Sie uns Schule neu denken!
 
Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium hat schon in mancherlei Hinsicht außerordentliche Wege beschritten und hat nicht umsonst diesen äußerst guten Ruf.
 
Unser Freiherr-vom-Stein-Gymnasium ist eine Schule von vielen anderen, aber lassen Sie uns
die eine Schule sein, die vielen anderen immer einen Sprung voraus ist.
 
Für eine gute Zukunft unserer Schülerinnen und Schüler.
 
Für eine gute Zukunft für uns alle.
 

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