Plädoyer für‘s Schulschwänzen

Plädoyer für‘s Schulschwänzen

von Philipp Tenta (NW) erstellt am 10.05.2019

Am Mississippi gehen die Uhren anders - Schüler inszenieren ein Musical mit Kurt Weills Fassung von Tom Sawyer

Bünde. Bei Kurt Weill denkt man meist an seine Zusammenarbeit mit Bert Brecht. Dass er neben der Dreigroschenoper und Mahagonny aber auch ein überaus erfolgreicher Musical- und Opernkomponist war, gerät dabei meist in Vergessenheit.

Kurz vor seinem Tod begann Kurt Weill mit der Arbeit an einem Musical über Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Der geniale Schöpfer schräger Ohrwürmer und der gnadenlose, humoristische Sozialkritiker wären sicher eine perfekte Paarung geworden, doch das Werk blieb unvollendet und wurde erst 2014 mit deutschen Texten von John von Düffel zur Uraufführung gebracht.
Das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium hat Weills musikalische Fassung des beliebten Klassikers für seine diesjährige Musicalproduktion ausgewählt. Imke Rieping und Erika Becker haben aus der Klavierfassung eine instrumentale Begleitung für das ,,Music Stones Orchestra", eine Musical Band und den Instrumentalkreis, entwickelt.
Rund 120 Schüler und Lehrer haben sich seit November diesem Projekt gewidmet und eine packende, humorvolle Produktion auf die Bühne gebracht. Kurt Weills „Tom Sawyer“ scheint eine perfekte Vorlage für eine Schulproduktion zu sein. Die Musik ist interessant und spannend, weit weg von allen Musical-Klischees und stellt gleichzeitig doch keine zu hohen technischen Anforderungen. Kinder und Jugendliche stehen im Zentrum der Handlung, nur für Nebenfiguren müssen die Darsteller in Erwachsenenrollen schlüpfen. Bei Inszenierung und musikalischer Leitung ist es den Verantwortlichen gelungen, die Stärken sowohl der Mitspieler als auch der musikalischen Vorlage in den Vordergrund zu stellen. Selbst kleinste Rollen geben den Mitspielern Gelegenheit, ihr komödiantisches Talent unter Beweis zu stellen. So gab etwa Felix Diestelhorst einen salbungsvollen Pfarrer, Feline Scheffer eine strenge Lehrerin oder Caspar Gehrling einen hinterhältigen Indianer-Joe. Alle Darsteller scheinen in ihrer Rolle aufzugehen, Lampenfieber und Herzrasen schienen auch bei einer bis auf die letzten Plätze vollen Aula eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Auch wenn eine Schulklasse scheinbar brav den Unterricht verfolgt oder der Schulchor in der Rolle der Bewohner von St. Petersburg das Geschehen kommentiert, immer hat man den Eindruck, ein weitgefächertes Kaleidoskop unterschiedlichster Charaktere zu beobachten. Dem Orchester gelingt es, die für Kurt Weill charakteristischen Harmonien und Einfälle souverän umzusetzen. Natürlich liegt eine Hauptlast der Inszenierung auf den Hauptdarstellern. Angelina Gallwas gelang es bei der Erstaufführung souverän, einen abenteuerlustigen, quer denkenden Tom Sawyer zu inkarnieren. Als unangepasster Mitstreiter Huck Finn war der auch stimmlich beeindruckende Bjarne Rentz zu entdecken. So wurde der Abend zu einem höchst vergnüglichem Wiedersehen mit einem literarischen Klassiker und der packenden Entdeckung eines wenig bekannten Musicals von Kurt Weill.
Zu Bedauern ist nur, dass lediglich zwei Aufführungen von „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ angesetzt wurden. Gerne hätte man diese überaus sympathische und humorvolle Inszenierung weiterempfohlen.
 
© Neue Westfälische, Donnerstag, 09. Mai 2019

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